Der Gipfel des Wohlgefühls

Der gemeinsame Nenner Alpen ein Bayern Tourismus Marketing, Südtirol Marketing, Schweiz Tourismus und den Verein Alpine Wellness Österreich. Zusammen streben sie danach, Alpine Wellness zu einer Marke zu machen, die sich auf dem internationalen Parkett behaupten kann. Bei der touristischen Runde, die auf Einladung der Österreich Werbung und von Bayern Tourismus Marketing auf der C-B-R in München stattfand, erklärte Geschäftsführer Bernhard Jochum, man wolle „behutsam wachsen, aber nicht explodieren“. Zwei Millionen deutsche Wellness-Urlauber können nicht irren. Wellness, seit Jahren im Trend, boomt. Laut Reiseanalyse stieg der Anteil der Bundesbürger, die in den nächsten drei Jahren Fitness-Ferien planen, von sechs Prozent im Jahr 1999 auf mittlerweile 13 Prozent. Die länderübergreifende Marke Alpine Wellness rechnet sich eine gute Chance auf dem internationalen Wellness-Parkett aus. In der Touristischen Runde in München lobte Freizeit-Forscherin Prof. Felicitas Romeiß-Stracke, dass solche Marken „ein bisschen Seriosität und Qualität in das Potpourri der Wohlfühlindustrie” brächten.
Weil Wellness Gefahr laufe mit Loch Ness (Prof. Dr. Wolfgang Schobersberger) assoziiert zu werden, will sich Alpine Wellness zur „qualitativ astreinen Marke” entwickeln, versprach Geschäftsführer Bernhard Jochum. Bei der „Qualitätsentwicklungsplattform” mit dem gemeinsamen Nenner Berge arbeiten Bayern Tourismus Marketing, Südtirol Marketing, Schweiz Tourismus und der Verein Alpine Wellness Österreich grenzüberschreitend zusammen, um den „sehr ramponierten Begriff” Wellness wieder mit Inhalt zu füllen. In erster Linie, so Jochum, gehe es darum, dass „Urlaub in den Bergen gut tut und gesund macht”. Diese Tatsache müsse wissenschaftlich belegbar sein, argumentierte er, denn die Wirtschaft brauche die Wissenschaft. Wichtig auch für die Vermarktung sei eine Marke, die ein gutes Stück Orientierung gebe. Jochum: „Die Konsumenten neigen dazu, einer Marke zu vertrauen.”
Darauf hofft auch Bayern Tourismus Marketing. Isabel Hirt, Produkleiterin von WellVital und Alpine Wellness in Bayern, sieht eine deutliche Bewegung „zurück zu den Wurzeln und hin zur Spiritualität des alpinen Raums”. So besehen könnten die Alpine- Wellness-Destinationen sich als Gegenpol zu Südostasien auf dem internationalen Markt positionieren. Für Gabi Deml, Geschäftsführerin von Berchtesgadener Land Tourismus, der ersten Alpine-Wellness-Destination, war die Initiative so etwas wie ein Rettungsanker. Denn mit dem Niedergang der Kur war Bad Reichenhall in ein Loch gefallen. Jetzt gibt es neue Hoffnung. Deml: „Alles trifft zusammen.” Im März eröffnet die neue Rupertus-Therme, die mit Sole und Salz unverwechselbar ist und ebenfalls im März empfängt das neue Intercontinental Hotel auf dem Obersalzberg, das sich allen Qualitätskriterien der Alpinen Wellness stellen werde, seine ersten Gäste. „Der ganze Ort muss den Gedanken mittragen,” weiß Deml. Nur dann könne die Region Erfolg haben.
Da tut sich KarlTraubel vom Hotel Hubertus in Balderschwang leichter. Er habe die Natur in sein Hotel geholt, versichert der Hotelier, und arbeite mit den lokalen Bauern zusammen. Auch die Behandlungen im Vitalquell wie Molkebad oder Heubett hätten alpinen Charakter. Alpine Wellness, das sei für ihn in erster Linie „a bisserl ruhiger und nicht so steif”.
„Etabliert sich in den Alpen eine laszive Kultur im Bademantel,” fragte Prof. Felicitas Romeiß-Stracke provokant. „Geht es nur darum, sich verwöhnen zu lassen ­ oder steckt mehr dahinter? ” Als Freizeitforscherin weiß sie auch, dass die Antwort in unserer „Multioptionsgesellschaft” liegt. Sie überfordere immer mehr Menschen. Die Entscheidungsfreiheit werde zunehmend als Zwang und Zumutung empfunden. „Die Rückseite der Hochglanz-Wellness-Prospekte sind handfeste Krisenerscheinungen,” warnte Romeiß-Stracke. Die vielen vom Anpassungs-Stress Erschöpften speisten die Nachfragen nach Wellness-Dienstleistungen. „Das fröhliche Plantschen im Spa” habe also existenzielle Bedeutung, diene auch der ­ lebensnotwendigen ­ Perfektionierung des Selbst. „Wir unterliegen einem Selbstgestaltungsterror. Wir schmieren uns glatt und straff, essen uns schlank und intelligent und laufen uns fit und froh.”
Falsche Selbst-Therapien und Hysterie im Hinblick auf gesundheitliche Risiken wiederum führten zu kollektiver Hypochondrie und darauf sei unser Gesundheitssystem nicht vorbereitet,” gab die Wissenschaftlerin zu bedenken. Hinzu komme, dass „der demographische Faktor” den Trend aufschaukele. Alternde Menschen müssten früher mehr für ihre Gesundheit tun, um auch später noch ein Leben in Würde führen zu können. Trotzdem sieht Romeiß-Stracke uns Deutsche nicht als „Gesellschaft der sauertöpfischen Gesundheitsapostel”. Eine Plattform wie Alpine Wellness könne sich als Kompetenz-Zentrum für gesunden und glücklichen Lebensgenuss profilieren, als eine Art „Coaching for a better life” im authentischen Rahmen der Alpen.
Den „Älplern” wünschte Geschäftsführer Jochum mehr Selbstbewusstsein. Sie sollten sich auf ihre Stärken besinnen („Warum treiben denn die Bauern ihr Vieh auf die Berge?”) und nicht „nachäffen, was andere vorgeben”. So gesehen ist Ayurveda im Pitztal für Jochum nur eines: lächerlich.

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