Gleich zwei positive Meldungen für Georgien gibt es derzeit: Der neue Generalsekretär der Welttourismusorganisation UNWTO heißt Zurab Pololikashvili und ist Georgier. Allerdings blieb die Ernennung des georgischen Politikers wegen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl bis zuletzt umstritten. Keine Kritik gibt es dagegen an der Wahl Georgiens zum Partnerland der Buchmesse 2018. „Die Gegenwart ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution,“ hat Nino Haratischwili in einem Interview zu ihrem großartigen Roman „Das achte Leben (für Brilka)“ gesagt. Es wird Zeit, die georgische Gegenwart kennen zu lernen. Wir haben uns schon mal in dem schönen Land umgesehen.
Und da fällt als erstes auf, dass in Georgien all die Verwaltungs- und Polizeigebäude gläsern sind – gleich ob auf dem Land oder in der Stadt. Die Staatsbeamten sitzen also buchstäblich im Glashaus. Nino Bregvadse, unsere blond gelockte Führerin, die Deutsch studiert hat und unsere Sprache so gut spricht wie manche Deutsche nicht, erzählt, dass Micheil Saakaschwili, der milliardenschwere und heute staatenlose Ex-Präsident, dafür verantwortlich ist. Das auch nachts hell erleuchtete gläserne Innenministerium symbolisierte nach seinem Willen die Transparenz in der Politik. Doch der Politiker hat es wohl mit dem Umbau übertrieben und dabei vieles eingerissen, was den Georgiern wichtig ist. Tiflis oder Tbilisi, wie die Georgier ihre Hauptstadt nennen, zeugt vom unbedingten Willen, Fortschritt zu demonstrieren.
Der Gegensatz zwischen neu und alt könnte nicht größer sein. Da die Altstadt mit dem Charme kleiner Gassen, mit schönen Balkonen an oft windschiefen Häusern, von denen der Putz bröckelt: Kleine Lokale, winzige Läden, Souvenirstände.
Nicht nur in der Chardinstraße erinnert Tiflis an Paris,auch entlang dem Mtkwari Fluss, wo Maler ihre Staffeleien aufgestellt haben und Trödler ihre Waren feilbieten. Und natürlich am Rustaveli Boulevard mit dem Parlamentsgebäude, Schauplatz der Rosenrevolution. Und dann das: Eine geschwungene Brücke, 150 Meter lang und nur für Fußgänger, die am Abend dank LED-Leuchten zu einer Welle aus Licht wird. Pampers nennen die Georgier abschätzig die Konstruktion aus Stahl und Glas, entworfen von dem italienischen Designer und Architekten Michele De Lucchi.
Champignon sagen sie zu einem anderen Gebäude, das ein Ministerium beherbergt, und wie zwei kommunizierende Röhren ragt die Konzert- und Ausstellungshalle in den Skulpturenpark. Hier gleich neben dem Europaplatz wirkt die Hauptstadt von Georgien wie ein Spielplatz moderner Architekten. Ihre fantasievollen Gebäude prägen das Stadtbild auf der linken Flussseite. Auch die Seilbahn auf den Sololaki-Berg mit der Festung Narikala wurde rundum erneuert, Leitner-Gondeln bringen heute Fußlahme zur Aussichtsplattform.
Gleich nebenan thront hoch über der Stadt die gigantische Kartlis Deda, die „Mutter Georgiens“, in Aluminium gekleidet und 1958 zur 15000-Jahr-Feier der Stadt errichtet. Wehrhaft zeigt sie sich mit einem Schwert in der Rechten und gastfreundlich mit einer Schale Wein in der Linken. Zwischendrin Stände mit Souvenirs, Frauen, die Blumen zu Kränzen winden, Touristen mit Selfiesticks und solche, die sich fürs Foto traditionelle Klamotten ausleihen. Ebenfalls von oben zu sehen ist der neoklassizistische Palast, den sich Ex-Präsiden Saakaschwili auf dem gegenüberliegenden Höhenzug hingestellt hat. Mit der Kuppel ähnelt der Regierungssitz ein bisschen dem Berliner Reichstag. Gigantomanie auch beim Kirchenbau: Die Sameba-Kathedrale im armenischen Viertel ist der größte Sakralbau Transkaukasiens.
Der Weg hinunter führt zum Bäderviertel mit den charakteristischen Kuppelbauten über den Thermalquellen. Sie gaben Tbilisi den Namen.
Nino erzählt dazu die Sage von der Gründung der Stadt: Im fünften Jahrhundert soll der georgische König Wachtang I. Gorgassali (Wolfshaupt) in dem Gebiet der heutigen Stadt gejagt haben. Er traf einen Falken. Doch das angeschossene Tier entkam und flüchtete in eine der heißen, sprudelnden Quellen, die seine Wunde heilten.
Jedenfalls beschloss der König, hier seine neue Hauptstadt zu errichten. Sein Denkmal steht vor der Metekhi-Kirche, wo einstmals die georgischen Könige residierten.
Überhaupt die Kirchen. Seit Georgien unabhängig wurde, wurden die meisten wieder instand gesetzt und die Gläubigen strömten wieder dahin, wo sie sich Erlösung erhofften. Zentrum des Glaubens ist die Sioni Kathedrale, Hauptsitz des mittlerweile 84-jährigen Patriarchen der georgisch-orthodoxen Apostelkirche, der nach Ninos Meinung in Georgien „wichtiger ist als viele Politiker“.
Es geht erst ein paar Stufen hinunter, ehe man in den Kirchenraum eintreten kann, wo die Gläubigen das Weinrebenkreuz der heiligen Nino verehren, jener jungen Frau, die im frühen vierten Jahrhundert das Christentum nach Georgien brachte.
Besonders verehrt wird die Heilige Im Kloster Ivari hoch über der Stadt Mzcheta, der alten Hauptstadt von Georgien. am Zusammenfluss der beiden Flüsse Aragwi und Kura.
Schon im sechsten Jahrhundert, erzählt unsere nach der Nationalheiligen benannte Führerin, habe die Kirche das hölzerne Kreuz durch eine Kreuzkuppelkirche ersetzt. Die heutige Kirche entstand Anfang des siebten Jahrhunderts und ist, wie einige Monumente in Mzcheta Weltkulturerbe.
Nicht minder sehenswert ist die Klosterfestung Ananuri mit einem georgisch orthodoxen Kloster und gut erhaltenen Fresken im Inneren.
Doch es sind nicht nur die Kirchen, die Georgien so sehenswert machen. Auch die Landschaft ist beeindruckend und voller Geschichten. Die Heerstraße durchquert seit Ende des 18. Jahrhunderts den Großen Kaukasus zwischen Russland und Georgien. Auf 2380 Metern Höhe erinnert auf dem Kreuzpass ein Friedhof an namenlose deutsche Kriegsgefangene, die beim Bau der Tunnel ums Leben kamen.
Hier treffen neue Touristenbusse auf klapprige russische Lastwagen, Souvenirhändler verkaufen Honig und Selbstgestricktes. Auf dem goldgelben Sinterhügel krabbeln Kinder und Erwachsene. Gleitschirmflieger kreisen um die Berge.
Hinter dem inzwischen ziemlich heruntergekommenen Denkmal der russischen Freundschaft ballen sich dunkle Wolken. Das passt zum derzeitigen Stand der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Georgien, das kleine, stolze Land, liegt im Clinch mit dem russischen Riesen.
Seit der Unabhängigkeit sucht es die Nähe zum Westen, zur europäischen Union. Und Europa? Reklamiert die Mythen von Prometheus und dem Goldenen Vlies als europäisches Erbe. Doch sowohl das mythische Kolchis, Heimat des goldenen Vlieses als auch der Kasbek, jener Berg, an den Prometheus geschmiedet worden sein soll, nachdem er den Menschen das Feuer gebracht hatte, liegen in Georgien, dem Land zwischen den Kontinenten.
Dem dritthöchsten Berg des Kaukasus kommt man bei einer Wanderung zur Dreifaltigkeitkirche ziemlich nahe. Zweieinhalb Stunden brauchen geübte Wanderer auf den teils steilen Pfaden hinauf zur Kirche. Fußlahme können sich mit Jeeps über Schlagloch übersähte Schotterwege bis zum Parkplatz an der Kirche kutschieren lassen.
Drunten im Dorf Stepanzminda wartet schon Naili auf ihre Gäste. Die junge Frau will uns zeigen, wie Chinkali, die georgischen Teigtaschen, gemacht werden. Doch schon mit den Vorspeisen, unter denen sich die Tische biegen, sind wir mehr als satt. Georgier sind großzügige Gastgeber und sie sind stolz auf ihre viel gerühmte Küche.
Und Nailas Chinkali haben jedes Lob verdient. Schon die Füllung aus mit Koriander gewürztem Kalbfleisch ist eine Wucht. Und die Teigtäschchen, die Naili sorgfältig formt, sind kleine Kunstwerke.
Wir werden uns noch lange daran erinnern ebenso wie an die hübsche „Stadt der Liebe“ Signagi, wo sich Liebespaare rund um die Uhr trauen können. Ob wohl eines der indischen Paare, die grade mit Quads durch die Stadt rattern, die Möglichkeit beim Schopf packt?
An Touristen mangelt es nicht in Georgien. Längst steht das einstige Sehnsuchtsland im Osten wieder auf der Bucket-List der Globetrotter aus aller Welt. Und längst gehört Tiflis zu den must-have-seen places. Nur mit der politischen Annäherung an Europa, da hapert es noch – trotz gläserner Ministerien.
Info: Wir waren mit Marco Polo unterwegs bei einer Kombireise, die Armenien und Georgien verband: www.marco-polo-reisen.com
Lesetipp: Der Trescher-Reiseführer Georgien wird in diesem Jahr mit dem ITB Book Award ausgezeichnet. Der 464-seitige Reiseführer gilt als Standardwerk für Georgien, das in diesem Jahr Partnerland der ITB ist.
Oktober 3, 2017
Immer wieder faszinierende Wort und Bilder starke Eindruckswiedergaben deiner Reisen, dabei den Wunsch weckend, einfach selber auch schauen zu dürfen, aber letztlich sich mit dem durch deine Augen Gesehenes zufrieden geben zu können. Danke dafür.
November 8, 2017
1500 Jahres Jubiläum 🙂