Er fällt schon auf im Frankfurter Hauptbahnhof, dieser elegante, blau-weiße Zug, der sich in einer Aufschrift als „Prestige Continental Express“ vorstellt und sehr nach Belle Epoque aussieht. Auf der Anzeigetafel ist als Reiseziel Basel angegeben. Nach und nach trudeln die Fahrgäste dieses ungewöhnlichen Zuges ein: Sie haben die Sonderzugreise Alpengold gebucht und wollen die Schweiz von ihrer schönsten Seite erleben – auf Schienen.
Ein roter Teppich wird ihnen zwar nicht ausgerollt, aber schon eilen hilfreiche Geister herbei, um den Gästen das schwere Gepäck abzunehmen. Wir werden zwar nur fünf Tage unterwegs sein – aber man will ja schließlich auf alles vorbereitet sein. Und so stapeln sich bald die Koffer und Taschen im „Kofferabteil“, während die Mitreisenden ihre reservierten Plätze einnehmen.
Nostalgie pur
Drinnen ist der Zug Nostalgie pur: Plüsch und Tischlampen wie in 1920igern. Schön gedeckte Tische für zwei oder vier Personen. Das lässt viel Genuss erwarten. An unserem Vierertisch kommen wir schnell ins Gespräch. Während draußen die Landschaft vorüberzieht – wobei die Lärmschutzwände den Sehgenuss erheblich mindern -, lassen wir uns das von Chefköchin Conny Steiner – dunkler Haarschopf, breites Lächeln – liebevoll kreierte Menü schmecken: Salat mit Schinkengipfeli – Spargelrisotto mit Fonduta von Tessiner Käse – Zürcher Geschnetzeltes mit Bärlauchspätzli – Schokoladentraum. Dass sie an diesem Tag 44 Jahre alt wird, verrät die gut gelaunte Schweizerin, die im Tessin ihre Kochausbildung gemacht hat, erst am Ende der Reise.
Von Basel aus geht es weiter Richtung Luzern – und hier haben wir meist freie Sicht. Drinnen liest Harald Braun aus seinem Buch über 40 Jahre Lernidee „Wer hat unsere Lok geklaut?“. So erfahren die Reisenden, warum die Anfänge ihres Veranstalters bei der Transsibirischen Eisenbahn liegen. (Der Gründer Hans Engberding wollte eigentlich nur einen Russisch-Kurs geben und geriet dabei eher zufällig in die Touristik.) Engberding ist zwar nicht mehr mit an Bord von Lernidee, aber das Unternehmen wächst weiter, vor allem mit Bahnreisen in aller Welt.
Große Erwartungen
Die Sonderzugreise Alpengold ist eine Premiere. Im Zug sitzen vor allem erfahrene Reisende, die schon viel von der Welt gesehen haben. Das Ärzte-Ehepaar schräg gegenüber hat von einer Reise mit dem Rocky Mountaineer eine Signalpfeife mitgebracht, die stets pünktlich zur Abfahrt unseres Zuges zum Einsatz kommt. Die selbstbewusste junge Frau hat sich im vergangenen Jahr eine 20-tägige Reise mit Rovos Rail „Pride of Africa“ gegönnt und will ganz sicher wieder in einen Luxuszug einsteigen. Das deutsch-englische Paar erzählt von Reisen nach Australien, einige der älteren Herrschaften schwärmen von wochenlangen Kreuzfahrten. Die Erwartungen an die Sonderzugreise sind entsprechend hoch.
Und siehe da, in Luzern, unserer ersten Station reißt der Himmel gerade auf, als wir uns mit einer ortskundigen Führerin auf einen Stadtrundgang machen. Wie in einer Theaterkulisse beleuchtet die Sonne die Türme des Wehrgangs. Was für eine Inszenierung! Die Fotografen sind hin und weg. Wir bewundern das Nadelwehr in der silbern glitzernden Reuss und laufen über die Spreuerbrücke mit dem gut erhaltenen Totentanz-Bilderzyklus in die Altstadt. Wunderschön die bemalten Häuser im Abendlicht. Luzern zeigt sich von seiner schönsten Seite, und zwischen Kapellbrücke und dem von Jean Nouvel so raumgreifend geplanten Kultur- und Kongresszentrum (KKL) kommen auch ambitionierte Fotografen auf ihre Kosten.
Das ändert sich am nächsten Tag. Fast so als habe sich Luzern mit der funkelnden Inszenierung am Abend übernommen, wabern Nebelschleier über dem Vierwaldstättersee. Das erwartete Dampfschiff fällt auch aus – aus technischen Gründen. Der Andrang ist trotzdem groß, und wir sind froh über die reservierten Plätze in der 1. Klasse. Viel zu sehen ist zwar nicht an diesem schönen See, an dessen Ufern Schiller das Drama um den Freiheitskämpfer Wilhelm Tell angesiedelt hat. Aber wir lassen uns das Menü schmecken, das ein dunkelhäutiger Kellner mit viel Charme serviert und nutzen jede Wolkenlücke, um nach den Ufern zu spähen, wo zuweilen ultramoderne Hotel-Neubauten den schönen alten Grandhotels die Schau stehlen.
Vernebeltes Panorama
In Flüelen steigen wir um in den Gotthard Panorama Express, die älteste und wichtigste Verbindung von Nord nach Süd und für viele wohl der Höhepunkt der Reise. Aber das versprochene „großartige Panorama“ ist leider vernebelt. So ist das mit dem Wetter in den Bergen. Auch der beste Reiseveranstalter kann es nicht bestellen. Immerhin lüften sich zwischendurch die Nebelschleier, so dass wir das Kirchlein von Watten tatsächlich drei Mal aus immer wieder neuer Perspektive sehen können – und die patriotischen Fahnenschwinger gleich daneben. Vom Fotowagen aus kann man mit etwas Glück auch die großartigen Brückenkonstruktionen bewundern.
Über Lautsprecher hören wir die Geschichte des Tunnelbaus, der 1872 begann und mit seinen Kehrtunneln und Viadukten als Meisterleistung der Ingenieurskunst gilt. In kaum mehr als acht Jahren wurde der damals längste Eisenbahntunnel der Welt fertig gestellt – ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit der Arbeiter, die für einen Hungerlohn schufteten und für die elenden und überfüllten Unterkünfte auch noch zahlen mussten. Im langen Gotthardtunnel werden Bilder und Filmchen an die Tunnelwand projiziert, während der Zug die Fahrt verlangsamt und für kurze Zeit das Licht erlischt. Die eher simplen Projektionen sollen einen Eindruck von den dramatischen Umständen des Baus vermitteln.
Die Botta-Blume
Lugano empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein, beste Aussichten für den Monte Generoso, den seit 2017 die „Fiore di pietra“, die Steinblume von Mario Botta krönt. Hinauf kommt man am schnellsten mit der Zahnradbahn. Seit über 130 Jahren fährt sie von Capolago am Luganersee auf den Aussichtsberg. 1941 hat Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler die vor dem Ruin stehende Bahn gekauft und so ihr Überleben gesichert. Heute ist sie im Besitz des Migros-Genossenschafts-Bundes und wird durch das „Migros-Kulturprozent“ unterstützt, das auch die Botta-Blume finanzierte.
Schon während sich die Bahn über neun Kilometer in die Höhe schraubt, freuen wir uns über schönste Ausblicke auf eine arkadische Landschaft. Von der Endstation aus führt ein schmaler, steiniger Weg hoch zum Gipfel mit dem 360-Grad Panorama: Unter uns liegt tiefblau der See, umrahmt von dunkelgrünen Bergen, im Hintergrund verschmelzen die schneebedeckten Gipfel der Berner und Walliser Alpen mit dem Horizont.
Im spektakulären Gipfelrestaurant laben wir uns an einem großzügigen Schweizer Büfett. Hier oben könnte man noch lange sitzen und staunend in die Landschaft blicken oder draußen in den blauen Himmel schaukeln.
Aber irgendwann fährt die letzte Bahn, und wir müssen ja auch noch zurück nach Lugano-Paradiso, wo unser Hotel liegt. Der Abend ist lau, die Sonne scheint. Wir steigen in Lugano-Stadt aus dem Zug, lassen uns durch die Gassen zum schönen Park treiben, sitzen noch lange am glitzernden See und flanieren über die Promenade nach Paradiso.
Über die Grenze
Die Fahrt mit der Centovalli-Bahn am nächsten Morgen hält dann, was wir uns vom Gotthard-Express versprochen hatten. Zwischen Locarno in der Schweiz und dem italienischen Domodossola sehen wir zwar keine 100 Täler, aber einsame Kapellen auf Bergeshöhen, malerische Weiler, grüne Wiesen mit weißen Margeriten, Weinberge und Kastanienbäume, kaum Menschen – eine Landschaft scheinbar außerhalb der Zeit. Nach knapp zwei Stunden sind wir zurück in der Realität und steigen in Domodossola in unseren Nostalgie-Zug ein. Da sind die Tische schon wieder wie von Zauberhand gedeckt. Während wir uns den Walliser Teller und Connys Raclettesüppchen munden lassen, fährt der Zug durchs fruchtbare Wallis und entlang der noch jungen Rhône. Die Burg von Sion zieht vorbei und wäre mehr als ein Foto wert. Aber da kommt gerade unser Hauptgericht…
Dann sind wir schon in Chillon, der aus dem Mittelalter stammenden Wasserburg am Ufer des Genfer Sees – Romantik pur und weltbekannt. Dafür habe Lord Byron gesorgt, erklärt die dunkelhaarige Burgführerin Lilli – mit dem dramatischen Gedicht „Der Gefangene von Chillon“. Dazu inspiriert hatte den britischen Dichter das Schicksal des Genfer Freiheitskämpfers Francois Bonivard, der jahrelang im Schlosskeller eingekerkert war. Die Kälte in den gotischen Gewölbekellern kriecht uns schon nach kurzer Zeit unter die Haut. Wie mag es erst dem Gefangenen ergangen sein?
An einer der Säulen zeigt Lilli uns ein Graffito mit dem Namenszug Byron. Dass es der Dichter selbst in den Stein geritzt haben soll, ist wohl eine Legende, räumt sie ein. Sie erzählt von den wechselnden Besitzern der Burg, zeigt uns prachtvolle Säle und private Gemächer. Dann lädt sie uns zu einer Probe des hauseigenen Weins ein. Wenig später geht es mit dem Bus weiter nach Montreux, der letzten Station dieser Reise.
Vom Hotel Eden Palace direkt am Genfer See ist es nur ein Katzensprung zur Markthalle und zur Statue von Freddie Mercury, zu deren Füßen frische Blumen welken. Den Queen-Frontmann verband eine lange Liebe mit Montreux, seit die Gruppe 1978 ihr erstes Album in den Mountain Studios aufgenommen hatte. Auch die Studios sind in Laufnähe. Die wollen wir uns am nächsten Tag anschauen. Während andere Mitreisende sich für Ausflüge nach Gstaad oder Chamonix entschieden haben, wollen wir mehr von Montreux sehen.
Gleich nach dem Frühstück sind wir im Casino zur „The Studio Experience“, offensichtlich ein Wallfahrtsort für Queen- und Freddie-Mercury-Fans. Immerhin hat die Band in den Studios, die sie 1979 gekauft hatte, sieben Alben produziert. Während wir uns drinnen in die Queen-Geschichte vertiefen, ziehen draußen Regenwolken auf. Unter dem grauen Himmel bummeln wir noch ein bisschen durch die Straßen von Montreux und beschließen dann, nach Vevey zu fahren. Für das Charly-Chaplin-Museum ist es schon zu spät. Aber Vevey ist ein reizvolles Städtchen mit schönen alten Häusern, auf denen uns immer wieder Charlie begegnet. Und auf der gemütlichen Seepromenade darf natürlich auch der Ewige Tramp nicht fehlen.
Inzwischen hat sich die Sonne durch die Wolken gekämpft. Wir sitzen in einem Bistro am See und stoßen auf die schöne Reise an. Als wir zurück nach Montreux kommen, geht gerade die Sonne unter. Was für ein grandioses Spektakel zum Abschied.
Auf der Rückreise über Bern fährt Conny noch einmal die ganze Bandbreite Schweizer Genüsse auf bis hin zu einer Meringue mit Crème double. Sie möge ja eigentlich lieber eine leichte Küche, sagt die Köchin, während sie ein süßes Schweizer Fähnchen aufs Dessert setzt, aber Lernidee habe für die Reise Alpengold die Schweiz auch auf den Tellern der Gäste präsentiert sehen wollen. An die winzige Küche hat sich Conny inzwischen gewöhnt, nur die Logistik sieht sie immer noch als Herausforderung. Alles müsse so verstaut werden, dass es auch auf ruckligen Strecken nicht abstürzt.
Für die Reisenden läuft am Ende im Zug alles perfekt – auch der Service. Das Ehepaar, das sich die Alpengold Fahrt zur goldenen Hochzeit geschenkt hat, nickt zufrieden. Vergessen ist der Ärger über ein geschmackloses Abendessen im Hotel. Vergessen ist die Peinlichtkeit, als ein älterer Mitreisender in Montreux einen Kellner anschnauzte, weil der kein Deutsch verstand. Vergessen ist der vernebelte Gotthard. Ende gut, alles gut und vielleicht im nächsten Jahr noch einmal eine nostalgische Zugreise.
Kurz informiert
Die Sonderzugreise Alpengold mit Start in Frankfurt, Mannheim oder Karlsruhe veranstaltet Lernidee in diesem Jahr noch einmal, vom 8. bis 13. Oktober. Im nächsten Jahr sind zwei Termine vorgesehen. Die Reise kostet pro Person ab 3720 Euro im Standard-Doppelzimmer. Wer ein Doppelzimmer mit Seeblick garantiert haben will, zahlt 4240 Euro. Für die An- und Abreise mit der Bahn 1. Klasse fallen 256 Euro an, die möglichen Ausflüge ab Montreux müssen zusätzlich bezahlt werden. Reiseleiter Frank Niggemann wird von zwei ortskundigen Führerinnen unterstützt, die dafür sorgen, dass alles reibungslos läuft. Details unter: lernidee.de/reise/bahnreisen/europa/bahnreise-alpengold-deutschland-in-die-schweiz-2934.html


















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