Das Kirchlein von Gargellen reckt seinen dicken Zwiebelturm in den graublauen Himmel. Das Gras auf der Weide hinter dem traditionellen „Schragazu“, dem aus Holz zusammengesteckten Zaun, ist grün, wie es sich für ein Maisäß gehört, die Sommerweide auf rund 1500 Metern Höhe. Doch der Mann, der sich auf dem Weg nähert, ist weder Senn noch Hirte, auch kein Tourist. Dazu ist er zu fesch, wenn auch eher altmodisch gekleidet.
Der Ortschronist und die Familie
Hans Castorp ist es, der Protagonist aus Thomas Manns Zauberberg, verkörpert von Schauspieler und Regisseur Andreas Kosek. Eine Gruppe Wanderer in Funktionskleidung erwartet ihn schon. Doch was macht Hans Castorp in Gargellen? Das fragt sich nicht nur der Ortschronist Friedrich Juen, der bei den 92 Aufführungen der ersten Theaterwanderung „Auf er Flucht“ als kundiger Erzähler und Wanderführer fungierte. Mit der Geschichte seines Großonkels und des Großvaters, die als Schmuggler auch verfolgten Menschen bei der Flucht über die Grenze in die Schweiz halfen, hat er das teatro caprile zur ersten Theaterwanderung unter dem Titel „Auf der Flucht“ inspiriert. „Die Männer waren Schlepper im besten Sinn,“ sagt der Nachfahre, „sie haben ihr Leben riskiert“.
Jetzt fühlt sich der 58-Jährige – grauer Haarschopf, grauer Bart, blaue Augen – ausgeschlossen, will eigentlich gar nicht über Thomas Mann reden. „Der gehört nach Davos“, sagt er dann bestimmt. „Der soll nicht mit Gargellen in Verbindung gebracht werden. Da war er auch nie.“ Dafür hätten andere Prominente im Luftkurort Gargellen Urlaub gemacht – Sigmund Freud zum Beispiel, Franz Werfel, Arthur Schnitzler.
Das österreichische Davos
Allerdings hat Gargellen viele Jahre mit dem Slogan „das österreichische Davos“ geworben, kontert Andreas Kosek – Halbglatze, halblange graue Haare. Der Luftkurort sei auch für ein Sanatorium im Gespräch gewesen – für lungenkranke Kinder. Schon deshalb hält der Regisseur die Einbeziehung von Thomas Manns Zauberberg in die neue Theaterwanderung für gerechtfertigt. Und Gargellens Zauberberg sei eben das markante Bergmotiv der Madrisa.
Die „Grenzerfahrungen am Zauberberg“ beginnen dann auch mit einer Szene vor dem ikonischen Hotel Madrisa, das als Sanatorium Schatzalp fungiert. Vier Szenen spielen hier. Nicht nur Hans Castorp, sein Vetter Joachim und die Oberin von Mylendonck treten auf, sondern auch Personen, die einst tatsächlich im traditionsreichen Hotel Madrisa zu Gast waren. Bei einem Kaffeehausgespräch auf der Hotelterrasse diskutiert die Gesellschaft auch kontrovers über ein Sanatorium in Gargellen. Dabei tun sich erste Risse auf, antisemitische Ressentiments. Viel später zertrümmert „der Donnerschlag des 1. Weltkriegs“ die alte Welt. Und die Oberin kommentiert das Schicksal von Hans Castorp auf den Schlachtfeldern als beispielhaft für das vieler Soldaten.
Eine leichtere Wanderung
Erst nach dem Kaffeehausgespräch beginnt die eigentliche Wanderung. Auch sie ist anders als beim Vorgänger-Stück – nicht so anspruchsvoll. „Vielleicht wurde es den Schauspielern zu anstrengend,“ kommentiert Juen sarkastisch, fügt dann aber versöhnlich hinzu: „Den Zuschauenden womöglich auch.“ Bei dieser Theaterwanderung müssen Schauspieler und Zuschauer 500 Höhenmeter in einem eher gemäßigten Auf und Ab bewältigen. Und wie bei der Vorgänger-Inszenierung verschmelzen auch dabei Natur, Geschichte und Gegenwart zu einem vielschichtigen Gesamterlebnis in insgesamt 14 Szenen.
Den Mitwanderern gefällt‘s. Sie sind zwischen acht und achtzig, kommen aus der Gegend aber auch von weiter her. Und sie alle lassen sich ein auf diese Performance, die auf historischen Dokumenten und Zeitungsartikeln sowie literarischen Texten fußt und streiflichtartig Gargellens Wandel vom Maisäß zur Tourismusdestination vor Augen führt.
So wurden zwei – fast schon prophetische – Liedtexte aus dem „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ von Ernst Krenek in die Wanderung eingebaut. Da rennen die Menschen „wie die Narren“ auf und ab in diesen Alpen „als ob ein alter Flucht sie hetzte“. Der österreichisch-amerikanische Komponist war im Sommer 1934 tatsächlich im Hotel Madrisa und schrieb darüber in seiner Autobiografie „Im Atem der Zeit“.
Keine Tränen, aber viel Diskussion
Die Szenen sind nicht ganz so drastisch wie bei der ursprünglichen Theaterwanderung. Schauspieler Roland Etlinger aus Feldkirch und von Beruf Architekt – „Ich bin immer der Böse“ – glaubt, dass für viele Teilnehmende die emotionale Belastung zu groß war. Tränen wie früher fließen diesmal nicht, auch wenn manche Szenen durchaus berühren. Man kommt dem wandlungsfähigen sechsköpfigen Ensemble ganz nah, fühlt sich in andere Zeiten versetzt und wird sich beklommen klar darüber, dass vieles heute wieder so aktuell ist wie vormals.
Zwischen den Szenen wird nicht nur über Stock und Stein gewandert, es wird auch diskutiert. „Einzigartig“ und „fantastisch“ finden die meisten diese Wanderung zwischen den Zeiten. Dabei wird Gargellen als „eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“, wie es Friedrich Hebbel einmal formulierte, inszeniert – mit allen Brüchen. Thematisiert wird die Verbannung jüdischer Bergsteiger aus dem Alpenverein ebenso wie die Zerstörung von Natur und Tradition durch den heuschreckenartigen Massentourismus.
Idylle mit tiefen Rissen
Es geht um Geschlechterrollen – und mögliche Grenzüberschreitungen. Aber auch um konkrete Fluchterfahrungen. Auf Gnade hoffen konnten Grenzgänger in dem Bergtal selten, egal ob Schmuggler, Freiheitskämpfer, Juden oder Gauner. In einer Szene gesteht ein alter Mann seiner großen Liebe, wie erbarmungslos er als junger Grenzer einen Freiheitskämpfer gejagt hat. Die anfangs so rührende Idylle zeigt tiefe Risse. In einer anderen Szene stellt ein Grenzer ein Hochstaplerpärchen, das sich flugs in die Haare gerät. Soviel Komik darf schon sein. Diese Theaterwanderung will zwar zum Nachdenken anregen, aber nicht Ängste schüren.
Und weil man in der Natur unterwegs ist, mal im Wald, dann auf dem Feld oder am Wasser, kommt auch die bedrohte Natur zu Wort – in der letzten Szene warnt ein als Gamsbock die jugendlich verspielten Junggämsen der Gefahr durch die Menschen.
Auch mal was Neues
Einige Szenen erinnern noch an „Die Flucht“ wie die mit dem alten Paar, eine Art Hommage an die Vorgänger-Wanderung. Sonst hat sich die Produktion „Grenzerfahrungen am Zauberberg“ seit dem letzten Jahr zu einer eigenständigen Interpretation von Geschichte und Geschichten entwickelt. „Wir wollten auch mal etwas Neues machen“, kommentiert Regisseur Andreas Kosek die neue Theaterwanderung, die nach seiner Vorstellung noch bis 2029 gespielt werden könnte. „Dann haben drei des harten Kerns die 70 erreicht.“
„Ich hätt‘ heute für die Grenzgeschichte ganz neues Material beitragen können“, ist Friedrich Juen überzeugt. Immerhin bemüht er sich seit zwei Jahrzehnten, die NS-Geschichte Gargellens aufzuarbeiten. Die wenigsten im Ort hatten damals soviel die Courage wie seine beiden Vorfahren, sagt er und dass man für eine neue Inszenierung nicht Hans Castorp und Thomas Manns Zauberberg gebraucht hätte.
Juen wird im September eine ganz andere Wanderung machen, die ein derzeit hochaktuelles Thema aufgreift – die Flurbewässerung über historische Wasserkanäle.
Kurz informiert
Theaterwanderung. „Grenzerfahrungen am Zauberberg“ kann man in Gargellen noch am vorletzten und am letzten Augustwochenende machen. Beide Termine sind ausgebucht. Es besteht allerdings immer die Möglichkeit für Restkarten. Erwachsene zahlen 54 Euro, Jugendliche – empfohlen zwischen 13 und 18 Jahre – 27 Euro.
Die fünfstündige Wanderung wird von Wanderführerinnen und -Führern begleitet, ein Heißgetränk ist inklusive. Im Anschluss gibt es in der Pizzeria Barga die Möglichkeit, mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des teatro caprile zu sprechen: www.montafon.at/de/veranstaltungen/weitere-veranstaltungen/theaterwanderung
www.teatro-caprile.at
Themenführung. Die dreistündige Exkursion zur Flurbewässerung mit Friedrich Juen findet am 27. August statt. Sie beginnt am Parkplatz der Schafbergbahn. Eine Anmeldung ist online auf inatura.at möglich. Die Teilnahme ist kostenlos : www.montafon.at/de/kulturlandschaftswanderung-gargellen-mit-friedrich-juen_vc24361
Geschichte. Informationen zur Tourismusgeschichte des Montafons gibt es im Alpin- und Tourismusmuseum in Gaschurn, Dorfstr. 9. Das Montafoner Heimatmusuem in Schruns, Kirchplatz 15, widmet sich unter dem Motto „Talgeschichte trifft Talzukunft“ aktuellen Themen. Es gibt ein Pauschalticket für neun Euro für alle (vier) Montafoner Museen.
Informationen. www.montafon.at/de, info@montafon.at, Tel. 0043/506686












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Barbara Friederike
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Anja Keul
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