Rembrandt in voller Schönheit

Schon im ersten Saal wird klar, dass diese „Jahrhundertausstellung“, so Wim Pijbes, Direktor des Rijksmuseums, außergewöhnlich ist. Da blickt Rembrandt (1606-1669)den Betrachter von allen Seiten an. Der holländische Maler hat in seinen späten Selbstporträts mit all den ihm zur Verfügung stehenden Techniken experimentiert und die eigene Vergänglichkeit gnadenlos ins Bild gesetzt. Experimentierfreude, Licht und Schatten, Intimität – das sind einige der zehn „Obsessionen“, die in dieser großartigen Ausstellung thematisiert werden.
Mehr als 100 Gemälde, Zeichnungen und Drucke, entstanden zwischen 1652 und Rembrandts Todesjahr 1669, veranschaulichen, wie der Maler nach schweren persönlichen Verlusten (dem Tod seiner Frau Saskia und dem Verkauf seines Hauses nach Bankrott) mit sich gerungen hat und wie vollendet seine Kunst ist, die sich selbstbewusst von den Trends seiner Zeit absetzt. Die Exponate, die in zehnjähriger Zusammenarbeit mit der National Gallery in London zusammengetragen wurden, kommen aus aller Welt, unter anderem aus dem New Yorker Metropolitan Museum, aus der National Gallery Victoria in Melbourne, aus Ontario, Washington, Wien, Stockholm, Zürich, aus Berlin, Kassel und Braunschweig, aber auch aus privaten Sammlungen. Vier der Bilder sind nur in der Amsterdamer Ausstellung zu sehen.
„Rembrandt“, so Kurator Gregor J. Weber, „bildete das Leben ab, er idealisierte nichts und distanzierte sich so von seiner Zeit“.
Dass der Maler, der sich gern biblischer Themen annahm, auch vor den hässlichen Seiten des „Goldenen Zeitalters“ nicht zurückschreckte, zeigen die Zeichnungen „Elsje Christiaens am Galgen hängend“ ebenso wie das Ölbild „Anatomische Vorlesung des Dr. Deyman“.
Der späte Rembrandt, das fällt in dieser Ausstellung ins Auge, war seiner Zeit meilenweit voraus. Das gilt auch für die Maltechniken, die zeitweise an die Impressionisten erinnern, für das Spiel von Licht und Schatten, das etwa in dem Nachtstück „Anbetung der Hirten“ eine unvergleichliche Wirkung entfaltet. Aber auch beim Umgang mit Farbe überschritt Rembrandt die Grenzen seiner Zeit. „Er trug die Farbe mit dem groben Palettmesser auf die Leinwand auf wie ein Maurer den Mörtel“, erklärt Kurator Weber den revolutionären Malstil. Den Pinsel nutzte der „Ketzer der Malerei“, wie er von Zeitgenossen genannt wurde, auch, indem er mit der Rückseite in die nasse Farbe kratzte. Dass er Konturen verwischte und Umrisse oft nur skizzierte, macht den Holländer zu einem frühen Vorgänger von Picasso oder van Gogh, die ihn beide rückhaltlos bewunderten.
Er gäbe zehn Jahre seines Lebens, wenn er mit nichts als einem Stück trockenen Brotes vierzehn Tage vor dem Gemälde sitzen dürfte, sagte van Gogh einem Freund, nachdem er „Die Judenbraut“ (Isaak und Rebecca) gesehen hatte. Und an seinen Bruder Theo schrieb er: „Was für ein intimes, was für ein unendlich sympathisches Bild.“ Jetzt ist das berühmte Werk einer der Höhepunkt in der Ausstellung. Ebenso wie das Familienbildnis, das sonst im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig hängt, hält es einen Augenblick zärtlicher Intimität fest.
Monumental dagegen „Die Verschwörung der Batavier unter Claudius Civilis“ (1,95 x 3 Meter), die Rembrandt als Auftragsarbeit für einen Rundbogen im Amsterdamer Rathaus malte. Weil das wenig heroisch wirkende und wie von einem Scheinwerfer erhellte Gemälde den Ratsherren nicht gefiel, ließen sie es wieder abhängen und der Maler verkleinerte es auf ein Drittel, um es anderweitig zu verkaufen. Im Royal Palace ist am ursprünglichen Platz eine digitale Rekonstruktion zu sehen. Bei der Erstellung wurde übrigens eine Zeichnung zu Rate gezogen, die sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München befindet. Das sensationelle Original wurde von der Royal Academy of Fine Arts zum dritten Mal nach 1925 und 1969 ausgeliehen.
Die Ausstellung endet mit dem allerletzten Bild des Malers „Simeon im Tempel“, das man unvollendet auf seiner Staffelei fand, und mit dem Selbstporträt des alten Meisters, auf dem er die Spuren deutlich macht, die Zeit und Schicksal auf seinem Gesicht hinterlassen haben. Die dünnen Haare unter dem Barrett sind grau, die Haut um die Knollennase wirkt ledrig, der Blick aus den braunen Augen unter den buschigen Brauen melancholisch – fast als wolle er sagen, es ist Zeit, zu gehen und Jüngeren Platz zu machen.
Doch der geniale Rembrandt, der radikale Maler, hinterlässt kein leichtes Erbe. Auch das zeigt diese Ausstellung über einen Jahrhundert-Maler auf der Höhe seiner Kunst.

Info:
„Der späte Rembrandt“ ist vom 12. Februar bis zum 17. Mai im Rijksmuseum Amsterdam zu sehen – täglich 9 bis 17 Uhr. Tickets mit fester Besichtigungszeit sind online zu buchen unter rijksmuseum.nl/rembrandt
Die Tickets kosten 25 Euro (17,50 Euro fürs Museum, 7,50 Euro für Sonderschau. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre zahlen nichts.
Zur Ausstellung ist ein eindrucksvoller Katalog erschienen, in deutscher Sprache bei Hirmer. Er kostet 40 Euro.

 

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