Lust und Last auf der Reeperbahn

Nein, sündig waren die Anfänge der „sündigen Meile“ vor 400 Jahren überhaupt nicht. Im Gegenteil, hier wurde hart gearbeitet. Die Reepschläger, die für ihre oft hunderte Meter langen Taue, auch Reepe genannt, viel Platz brauchten, hatten ihn vor den Toren Hamburgs im heutigen St. Pauli gefunden. Bis Oktober erinnern zwei vier Meter hohe, tonnenschwere Figuren in rosarot an die Handwerker, deren Erzeugnisse der Reeperbahn ihren Namen gaben, als das Thema Rotlicht noch gar nicht existierte.

Reliquien der Reeperbahn

Die „Kiez-Historikerin“ Eva Decker – dunkler Pony, herzliches Lachen, Wiener Akzent – hat sich intensiv mit der 400-jährigen Geschichte der Reeperbahn beschäftigt. Auf dem Rundgang „Reliquien der Reeperbahn“, erzählt sie mit viel Witz und noch mehr Begeisterung, wie sich die Straße der Reepschläger zur Amüsiermeile wandelte.

Kiez-Historikerin Eva Decker  in ihrem Element

Gestartet wird der Rundgang in der stylischen ONE A Lounge & Bar des arcotel Onyx mit einem alkhololfreien Shot. Und dann öffnet Decker ihre „Schatzkiste“, eine Vitrine mit Relikten aus der Reeperbahn-Geschichte wie alten Fotos oder einem Original-Besteck aus dem Amüsiertempel „Trichter“. Der stand da, wo heute die Tanzenden Türme den Blick auf sich ziehen. Noch mehr „großartige St. Pauli Artifakte“ (Decker) holt die Historikerin aus der Vitrine, darunter Porzellan der deutschlandweit bekannten Domina Domenica.

Standfeste Litfasssäule

Eigentlich habe sich das Kultur- und Amüsierviertel rund um die Reeperbahn erst nach dem 2. Weltkrieg zur sündigen Meile gewandelt, erklärt Decker. Wo der „Trichter“ stand, klaffte damals ein Bombenkrater. Nur die Litfasssäule vor den Tanzenden Türmen hat die Zerstörung überstanden. Für Decker ist sie ein „Ankerpunkt“ in einer Welt des Wandels. Denn die Reeperbahn verändere sich immer weiter. Am Spielbudenplatz wird ab September Deutschlands größte LED-Screen-Installation „The Lighthouse“ Werbe-Inszenierungen über mehrere Ebenen hinweg möglich machen – und die Litfasssäule in den Schatten stellen.

Die alte Litfasssäule hat den Wandel überlebt

Umso schöner für die Kiez-Historikerin, dass einiges erhalten blieb, wie das Original-Esso-Schild der legendären „Kiez-Tanke“ oder die Neon-Werbung des Café Keese, das in den 1950iger Jahren für seine Damenwahl mit Tischtelefon berühmt war. Erinnerungen an Hans Albers oder Freddy Quinn. Und im Zwick am Millerntorplatz, das an der Stelle des Café Heinze steht, wo Teddy Stauffer zum Tanz aufspielte, Devotionalien aus dem berühmten Star Club. Da kommen die Beatles ins Spiel, die in St. Pauli ihre Karriere starteten. Aber davon später.

Die Vielfalt von St. Pauli

Noch geht es um den Wandel der Reeperbahn, die lange mit dem Image eines schmuddeligen Rotlichtviertels zu kämpfen hatte und erst in den 1980igern zu dem alternativen Kulturviertel wurde, das heute für Toleranz, multikulti und die große Freiheit steht, die den Menschen hier so wichtig ist. „Als ich hierher kam, hatte ich das Gefühl, als hätte ich sofort Wurzeln geschlagen“, beschreibt Eva Decker ihre langjährige Verbundenheit. Und für die Künstlerin und Reeperbahn-Quartiermanagerin Julia Staron – raspelkurze blonde Haare, raue Stimme – ist „die Vielfalt von St. Pauli ein Musterbeispiel, wie Zusammenleben funktionieren kann, eine Blaupause für eine friedliche Gesellschaft“.

Der Reepschlaeger in pink

Eine der prägenden Gestalten der Reeperbahn ist Corny Littmann, studierter Psychologe und „Kiezkultur-Held“. Den kleinen Mann kann man gelegentlich mit seinem italienischen Windspiel Dario am Spielbudenplatz antreffen. Er hat sich schon früh für queere Toleranz engagiert und mit dem Schmidt Theater einen Platz für alternatives Kulturvergnügen etabliert. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und so folgten das Schmidt‘s Tivoli und das „neue“ Schmidt Theater. Hier schenken derzeit die Königs wieder erfolgreich nach – in einem rasanten Musical mit ziemlich derbem Humor. St. Pauli halt.

Die Anfänge der Beatles

Für die blutjungen Beatles, die 1960 als eine der vielen Liverpooler Bands hierher kamen, muss St. Pauli erst einmal ein Kulturschock gewesen sein. Die Jungs, damals noch ohne die typische Pilzkopffrisur und zu fünft, spielten in den Clubs rund um die Reeperbahn – für wenig mehr als Kleingeld. Stefanie Hempel – lange dunkle Haare, Wangengrübchen – aus Mecklenburg-Vorpommern, die wir vor den Beatles-Silhouetten am Eingang zur Großen Freiheit treffen, kennt sich bestens aus in der Hamburger Beatles-Geschichte.

 

Die 49-Jährige ist die Erfinderin der musikalischen Beatles Tour. Wer ihr über die Reeperbahn und die Große Freiheit in die Gassen St. Paulis folgt, kommt John, Paul, George und Ringo ganz nah. Aber auch dem künstlerisch begabten, gut aussehenden Stuart Sutcliffe, der so früh an einer Hirnblutung starb und der mit seiner Freundin Astrid den späteren Beatles-Look geprägt hat. Und dem Schlagzeuger Pete Best, der später durch Ringo Starr ersetzt wurde.

Stefanie Hempel vor der Großen Freiheit

Stefanie erzählt nicht nur, sie singt auch Beatles-Songs zur Ukulele und ermuntert zum Mitsingen. Ihre Begeisterung für die Beatles ist ansteckend. Das hat wohl auch Bob Dylan so empfunden, der sich anonym in eine Gruppe eingeschlichen hatte und von Stefanie prompt erkannt wurde. Und als 84-Jähriger kam auch Pete Best, um die Orte der frühen Beatles-Auftritte nochmal zu sehen. Mit Stefanie hat Pete noch ein paar Erinnerungen an alte Zeiten geteilt. Dass er vor den Auftritten im heruntergekommenen Strip-Club Indra noch nie in einer Band gespielt hatte, etwa. Dass George Harrisons Lieblingsinstrument eine Ukulele war und dass sie alle unter den oft widrigen Umständen ihrer Engagements zusammenwuchsen. „We grew up in Hamburg“, habe John gesagt, „not in Liverpool“. Und: „We were punk befor there was punk.“

Die Beatles und der Punk

Im „schwarzen Loch“

Denn die Beatles waren die wildeste Band auf der Indra-Bühne und später im Kaiserkeller, dem Rock‘n Roll Club direkt gegenüber der Kirche St. Josef. Hier spielte die Gruppe im Keller, während Rory Storm and the Hurricans als Hauptband auftraten – mit Ringo am Schlagzeug. Eigene Songs hatten die Boys Liverpool noch nicht, das Repertoire war begrenzt. Sie mussten jeden Song wie Kaugummi in die Länge ziehen, um über die Runden zu kommen. Unter Vertrag waren sie bei Bruno Koschmider. Der Inhaber von Indra und Kaiserkeller hatte die Idee, den Rock‘n Roll in die Hafenstadt Hamburg zu holen. Und Koschmider sorgte auch für die erste Schlafgelegenheit, berichtet Stefanie. „Schwarzes Loch“ nannten die Beatles die winzigen, fensterlosen Abstellkammern des Bambi-Kinos, das Koschmider gehörte.

Hier verbirgt sich  das „schwarze Loch“ im ehemaligen Bambi-Kino

Viel Zeit zum Schlafen hatten sie ohnehin nicht, an Wochentagen mussten sie viereinhalb Stunden spielen, am Wochenende sechs Stunden. Und sie sollten dem Publikum einheizen, eine Schau machen. Das machten sie dann auch.

Stefanie ist die Freude daran anzusehen, dass es von da an steil bergauf ging – bis der Star-Club 1963 mit dem Slogan „Die Wiege der Beatles“ warb und Stars wie Jimi Hendrix ihnen auf den Fersen folgten. Aber zuvor mussten die Beatles noch an ihrem Image arbeiten. Und dafür sorgte die Fotografin Astrid Kirchherr, die sich mit Stuart Sutcliffe zusammen getan hatte. Beide verkehrten in studentischen Kreisen, die den Existenzialisten-Look pflegten.

Der sagenhafte Pilzkopf

Diesen Look, so Stefanie, übernahmen die Beatles mit der Pilzkopf-Frisur. Und nein, da bleibt die Beatles-Kennerin hart, es war kein Friseur, der den Pilzkopf erfand. Auch nicht der „Beatles-Friseur“ Harry nahe der Davidwache, wo ein paar Spielzeug-Beatles im Schaufenster rocken und Harrys Nachfolger sich gern fotografieren lässt. Frank Stenzel kann zwar viele Seiten mit bekannten Namen und Fotos zeigen, auch alte Friseur-Stühle im Keller. Aber den ersten Pilzkopf-Schnitt haben die Beatles wohl nicht im Friseursalon erhalten, sondern von Jürgen Vollmer, einem Fan der ersten Stunde und Mitglied von Astrids Existenzialisten-Clique in Paris.

Rockende Beatlesfiguren im Friseurladen

Wie auch immer, in Hamburg wurden John, Paul, George und Ringo zu den Fab Four: „Hamburg was an eye opener“, zitiert Stefanie John Lennon, „we came as kids and went back as old kids“. (Hamburg war ein Augenöffner, wir kamen als Kids und gingen als alte Kids zurück.“)

So ein Augenöffner will die Reeperbahn auch in Zukunft sein. Und deshalb wird noch das ganze Jahr über gefeiert – mit Ausstellungen, Performances, Konzerten und dem großen Reeperbahn-Festival im September.

Kurz informiert

Kiez-Tour. Die Kiez-Tour mit Eva Decker, auch Doc Decker genannt, ist buchbar unter www.kult-kieztouren.de/guides/eva-decker

Beatles-Tour. Stefanie Hempel lädt dazu ein, mit ihr drei unterhaltsame Stunden auf den Spuren der Beatles zu wandern: www.hempels-musictour.de

Frivoles im FreudenhausEssen & Trinken. Im Freudenhaus in der Hein-Hoyer-Str. 7-9, kommt zwar „sündiges Fleisch“ mit Namen wie „Freudenschweinchen Olivia Jones“ oder „Rinderroulade Lilo Wanders“ auf den Teller – in frivolem Ambiente aber mit perfektem Service: www.stpauli-freudenhaus.de

Übernachten.  Direkt dran an den Events und der Reeperbahn ist man im Arcotel Onyx, Reeperbahn 1a, 20359 Hamburg, Tel. 0892/1703/7672, E-Mail: onyx@arcotel.com,  onyx.arcotel.com, DZ ab 118 Euro

Reeperbahn-Festival. Beim Reeperbahn Festival vom 16. bis 19. September wird die Reeperbahn zum Hotspot für Musikfans mit Hunderten musikalischen Programmen in rund 80 Spielstätten entlang der Reeperbahn. Am Festivalsamstag sind zudem zwei außergewöhnliche Konzerte im Großen Saal der Elbphilharmonie vorgesehen: www.reeperbahnfestival.com

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