Liebesgeschichte vor surrealistischem Grauen: Antonio Muñoz Molinas „Die Nacht der Erinnerungen“

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Er hat oft den Mut
verloren, als er dieses Buch schrieb. Mit seinem ausschweifenden Roman „Die
Nacht der Erinnerungen
“ mutet der spanische Autor Antonio Muñoz Molina nicht
nur sich schlaflose Nächte zu sondern auch den Lesern verstörende Bilder aus
einem längst vergessenen Bürgerkrieg am Ende der Zweiten Republik in Spanien.

Die Rahmenhandlung, die verbotene Liebe des verheirateten Architekturprofessors Ignacio Abel zur jungen Amerikanerin Judith Biely, spiegelt den Umbruch dieser blutgetränkten Epoche Spaniens. Abel, der in die „bessere Gesellschaft“ eingeheiratet hat und dennoch seine Sympathie für die „Linken“ nicht verhehlt, ist besessen von der lebenslustigen, klugen Judith, die so ganz anders ist als seine eher dröge Ehefrau Adela, die Mutter seiner zwei Kinder.
Judith, das ist für den Bauhaus-Schüler der personifizierte amerikanische Enthusiasmus, das Fenster zu einer anderen Welt. Nicht nur sexuell, auch intellektuell. Seine Obsession lenkt ihn ab von dem, was um ihn herum geschieht. Während seine Welt in einer „kollektiven Liturgie des Todes“ kollabiert, während Chaos regiert und Freunde verschwinden, lebt Abel von einem Schäferstündchen zum nächsten. Und doch kann er sich nicht entscheiden, die Familie ganz aufzugeben. Bis Judith ihm die Entscheidung abnimmt und Madrid verlässt, nachdem Adela einen Selbstmordversuch unternommen hat. Judiths Weggang zwingt Abel dazu, sich der Realität zu stellen, dem ganzen Wahnsinn des Bürgerkriegs, den Molina in teilweise surrealistische, alptraumhafte Szenen kleidet:
„Die Gehwege der Calle Carretas füllten sich jetzt mit Leuten, die der Puerta del Sol zustrebten, die aussahen als wären sie aus viel ärmeren und heißeren Gegenden frisch in Madrid eingetroffen. Bewohner der letzten Stadtrandsiedlungen, von Hütten und Höhlen in der Nähe von Müllkippen und stinkenden Flüssen und Gruben eines vorzeitlichen Elends, die jetzt in Gruppen und ganzen Familienverbänden ins Stadtzentrum wanderten, wo man sie früher nie geduldet hätte, speckige Mützen, grindige Köpfe, zahnlose Münder, schielende Augen, nackte oder mit Lappen umwickelte Füße, ein barsche Menschheit avant la politique, so geblendet von den Lichtern der Großstadt und von den Bränden, als käme sie aus dem Herzen Afrikas. Wo sie vorbeiliefen, rasselten die Metalltore der Stierkampf- und Flamencokneipen herunter.“
Doch anders als Freunde und Kollegen hat Abel die Chance, dem Chaos zu entfliehen – nach Amerika, ins Land der Judith Biely. Und so lässt der Professor sein altes Leben hinter sich, macht sich aus dem Staub und auf in eine neue Zukunft, die vielleicht auch den Namen Judith trägt. Molina lässt das Ende offen, auch wenn sich das Paar wieder begegnet und eine gemeinsame Nacht verbringt.
„Die Nacht der Erinnerungen“ ist ein komplexes Werk voller Anspielungen an wirkliche Personen, die man hinten im Register findet, und Abrechnungen mit ihnen. Ein Roman auch, der mit den literarischen Gattungen spielt, mal den allwissenden Erzähler zu Wort kommen lässt, dann wieder aus der Sicht der handelnden Personen erzählt. Und ein Roman, der die Versicherung der Wirklichkeit infrage stellt, indem er das Leben mit einem Roman vergleicht oder Ereignisse im Konjunktiv schildert.
Dazu kommt eine Aktualität, mit der Molina wohl nicht gerechnet hat, als er den Roman schrieb – der Zusammenbruch der alten Regime im Nahen Osten und der Aufbruch der Jugend. Die folgenden Sätze könnten auch die Rebellen in Libyen beschreiben: „Sie waren… alle jung und alle sonnenverbrannt… trunken vom Rausch eines Allmachtsgefühls, das ihnen der Zusammenbruch der alten Ordnung gab, der Besitz von Waffen, die Mischung aus Karneval und Katstrophe des Krieges.“
Es gäbe noch viel zu sagen über diesen meisterhaft komponierten Roman, über die Parallelen zwischen Architektur und Politik beispielsweise. Auf fast 1000 Seiten breitet Molina ein ganzes Universum aus, obwohl er seinem Protagonisten nur eine Nacht der Erinnerungen gönnt. Und für die Leser gilt, was der Autor Judith Biely denken lässt: „Ein Film dauert nicht ewig, ein Lied endet nach wenigen Minuten, ein Roman auf der letzten Seite, und man schaut mit tränenfeuchten Augen auf , und eine ganz und gar wirkliche Untröstlichkeit schnürt einem die Kehle zu.“

Info: Antonia Muñoz Molina, Die Nacht der Erinnerungen, DVA, 960 S., 29,99 Euro

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