ITB: Tourismus am Scheideweg

Das Thema Nachhaltigkeit wurde auf der diesjährigen ITB ganz groß gespielt.  Schon im Vorfeld veröffentlichte TUI  eine Pressemitteilung nach der jeder zehnte europäische Urlauber umweltfreundlich bucht und rund zwei Drittel der Befragten für die Umwelt Kompromisse im Lebensstil eingehen würden. Die Wirklichkeit ist nicht ganz so rosig, wie eine Diskussion auf dem ITB Kongress ergab. Danach befindet sich der Tourismus derzeit in einer Sackgasse.  Und das, obwohl es höchste Zeit wäre, die Angebote im Sinn der Nachhaltigkeit zu verändern.

Das Thema Nachhaltigkeit zieht sich durch die ganze ITB

Auch Entwicklungsminister Müller redete der Branche ins Gewissen. „Diese Luxusbranche muss imstande sein, das Thema offensiv anzugehen“, sagte der CSU-Politiker und forderte, Reisen müsse „Schutz durch Nutzen“ stiften, faire Arbeit schaffen und umweltfreundlicher werden.  Das Partnerland der diesjährigen ITB, Botswana, bekannt für seinen Tierreichtum und den sternenklaren Nachthimmel,  präsentierte sich als Aushängeschild für das von der Welttourismusorganisation ausgerufene „Internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung 2017“.
Auch andere Destinationen wie Bayern oder Österreich, Uganda oder Äthiopien, Mexiko oder Slowenien  betonten die Bedeutung der Nachhaltigkeit bei ihren Angeboten.  Bei den World Legacy Awards und beim To Do!-Wettbewerb wurden herausragende Beispiele für nachhaltigen Tourismus geehrt. Und dennoch warnte Professor Harald Zeiss, vormals Leiter des Nachhaltigkeitsmanagement der TUI Deutschland, davor, so weiter zu machen wie bisher und sprach von 50 verlorenen Jahren.   Auch die Touristen müssten sich einschränken,  „damit unsere Erde uns verkraften kann“. Die Auswirkungen des Tourismus, assistierte Martin Müller, Präsident der Naturfreunde Deutschland und SPD-Umweltpolitiker, träfen soziale Schichten und Regionen, die dafür nicht verantwortlich seien. Ein verantwortungsbewusstes Tourismus-Management forderte deshalb Andrew Jones, Chairman der Pacific Asian Tourist Association (PATA).

Die Türkei stand im Fokus des Interesses

Die Pressekonferenz, die mit der größten Spannung erwartet wurde, war die türkische. Mit dem Kampagnentitel „Türkei – immer wieder schön“ und einer gigantischen Ausstellungshalle zeigte das Land von Präsident Erdogan Präsenz auf der ITB.  Tourismusminister Nabi Avci ließ allerdings bei der Pressekonferenz erstmal auf sich warten, um dann die Türkei als innovativ, nachhaltig sowie gast- und umweltfreundlich darzustellen.  Auch wenn bestimmte Ereignisse die Tourismusbranche beeinträchtigt hätten, beschwor der Minister die deutsch-türkische Freundschaft. Mit der Aktion „Bring deinen Nachbarn mit“, die sich an die Türken in Deutschland wende,  wolle man diese  Freundschaft noch vertiefen.  Wenig Verständnis zeigte der sonst eher jovial wirkende Minister allerdings für Nachfragen nach dem Schicksal des in Istanbul in Untersuchungshaft sitzenden Welt-Korrespondenten Deniz Yüzel. Avci forderte Respekt für die Entscheidung der „unabhängigen türkischen Justiz“ und warf deutschen Journalisten vor,  die Dinge schlecht zu reden. Die Türkei jedenfalls würde „niemals“ auf die deutschen Touristen verzichten wollen.

Äthiopien sieht sich  als „Wiege der Menschheit“

Auch Äthiopien hatte seine neue Tourismusministerin Hirut Woldemariam zur ITB geschickt. Sie machte klar, dass Äthiopien dabei sei, sich von einem armen zu einem wirtschaftliche prosperierenden Land zu entwickeln – auch dank des Tourismus, für den das Land nicht nur eine konstrastreiche  Natur, eine lange Geschichte und archäologische Schätze zu bieten habe, sondern auch mit der Urahnin der Menschheit Lucy die Wiege der Menschheit. „Wer auf den Spuren unserer Vorfahren wandeln will, sollte nach Äthiopien kommen,“ sagte Woldemariam. Die Touristen erwarte eine verbesserte Infrastruktur bei Straßen und Flughäfen.  Nachholbedarf gäbe es allerdings noch bei der Ausbildung der touristischen Fachkräfte.  Letztendlich aber wolle Äthiopien „eine der wichtigsten Destinationen“ auf der touristischen Landkarte werden.

Die Terror-Gefahr für Touristen wird überschätzt

Dafür ist auch ein Gefühl der Sicherheit wichtig.  Wie wichtig, das diskutierten Fachleute beim Studiosus-Gespräch. Dabei wies Prof. Dr. Bandelow vom Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Göttingen darauf hin, dass die Gefahr, durch einen Terroranschlag zu sterben bei 1 zu 27 Millionen läge und „völlig überschätzt“ werde.  Und  Prof.  Dr.  Martin Lohmann vom Institut für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) argwöhnte, dass „manchmal das Umsorgtwerden“ der Reisenden durch die Veranstalter zu mehr Ängsten führe und dazu, dass sie mit den eigenen Ängsten nicht umgehen könnten.  Auch bei dieser Diskussion war die Türkei Thema.  Guido Wiegand von Studiosus sprach von „einer Krise mit großer Relevanz“,  auch Mathias Sworowski vom Augsburger Veranstalter Oscar Reisen hat die Erfahrung gemacht, dass die Türkei derzeit gemieden werde.

Digital ist Trumpf bei immer mehr Reisebuchungen

Eine Erfolgsgeschichte hatte dagegen der Verband Internet Reisevertrieb (V.I.R.) zu verkünden.  Schon jetzt, so Vorstand Michael Buller, würden 56 Prozent aller Reisen über digitale Kanäle gebucht. Damit sei die Touristik „die erfolgreichste Branche der Digitalisierung“.  Buller kritisierte die „Überregulierung“ des Marktes durch die Politik und forderte mehr Förderung und ein schnelleres Internet. Die 2016 beschworene Renaissance von offline könne er nicht sehen.  Mit Zahlen aus der Reiseanalyse unterstützte Tourismusforscher Ulf Sonntag (NIT) diese Aussage. Immerhin hätten in Deutschland 81 Prozent der Menschen einen Internet-Zugang.  Digital würden vor allem einzelne Unterkünfte gebucht sowie Städte-, Familien- und Aktivreisen – wobei die mobile Buchung über Smartphone oder Tablet immer wichtiger werde. Bei Kurzreisen, so Sonntag, sei digital schon jetzt Standard.

Journalisten ehren den Grünen Markus Tressel

Die Bedeutung der Politik für den Tourismus wollte die Vereinigung der deutschen Reisejournalisten mit ihrem jährlich verliehenen „Ehrenpreis für besondere Verdienste im Tourismus“ herausstellen.  Preisträger ist der Grüne Markus Tressel.  Allerdings ging schon der erste VDRJ-Ehrenpreis überhaupt in die Politik: 1976 an Wirtschaftsminister Hans Friedrichs von der FDP. Markus Tressel freute sich für die Aufmerksamkeit, die der Preis für die Tourismuspolitik bedeute und sprach sich dafür aus,  die deutschen Destinationen „auskömmlich“ zu finanzieren und Anpassungsstrategien für den Klimawandel umzusetzen.  Er forderte einen Masterplan und versicherte, die Tourismuspolitik sei „besser als ihr Ruf“.

Dicke Luft in der Kabine –  eine unterschätzte Gefahr

Mit der Podiumsdiskussion über „dicke Luft in der Kabine“ holte  die VDRJ  ein gerne tot geschwiegenes Problem an die Öffentlichkeit. Zwei Betroffene kritisierten, dass das aerotoxische Syndrom, unter dem Kabinenpersonal nach sogenannten fume events leiden könne, von der Industrie nicht anerkannt werde. Und das, obwohl diese Art von Vergiftung zu Berufsunfähigkeit führe.  „Da geht es um viel Geld“, gab Markus Tressel zu bedenken. Man müsse aber die Hersteller in die Pflicht nehmen.  Er hätte diverse Anfragen zu dem Thema gestartet und  „die Bundesregierung mit der Frage nach kontaminierter Kabinenluft gepiesackt“.  Da müsse man weiter bohren.  Der Luftfahrtjournalist Tim von Beveren, der zu diesem Thema einen Film  gedreht hatte,  kritisierte die Untätigkeit des Luftfahrtbundesamts bei fume events und sprach von einem Politikversagen seitens des Bundesverkehrsministeriums.  Zu Zeiten von Dumpingpreisen im Flugverkehr werde nur das gemacht, was gesetzlich vorgeschrieben ist:  „Wir brauchen eine europäische Lösung.“
Die Messe selbst war nicht ganz so erfolgreich wie erwartet: Mit 109 000 Fachbesuchern konnte die weltweit größte  Tourismusmesse nicht die Zahlen des Vorjahres erreichen. Die Messe Berlin macht dafür den Streik des Bodenpersonals an den Berliner Flughäfen verantwortlich.

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