Es ist ein trüber Regentag im Bergdoktorland. Der Wilde Kaiser hüllt sich in Nebelschwaden, die dicken grauen Wolken lassen hin und wieder ein paar Tropfen fallen. Beste Bedingungen für die Tiere im Gehege von Simone Embacher, blonde halblange Haare, fröhliches Lächeln. Sie hütet keine Rinder auf der Alm, züchtet weder Schafe noch Ziegen. Dafür sind ihre Zuchttiere zahlreich, auch wenn sie gar nicht viel Platz brauchen. 50.000 Weinbergschnecken kriechen auf Brettern, über Tische, auf dem Boden. Und es werden immer mehr – sehr zur Freude von Simone, die schon als Kind von Schneckenfasziniert war.
Eine vergessene Welt
Doch es bedurfte einiger Umwege, ehe Simone die Idee einer Schneckenfarm in Ellmau verwirklichen konnte. Die junge Frau ist eine echte Quereinsteigerin, war immer auf der Suche nach Neuem. Von der Tourismusschule führte sie ihr Weg über die Filmbranche in Berlin, über eine Tauchschule in Thailand und eine Superyacht zurück ins heimische Tirol, wo ihre zahlreiche Familie lebt. Auf die Schneckenzucht kam sie über einen Zeitungsartikel. „Es war, als hätte ich eine Tür in eine vergessene Welt geöffnet“, erinnert sie sich. Weinbergschnecken waren in Österreich kaum verbreitet, schon gar nicht in Tirol.
Lange Tradition
Dabei hat die Schneckenzucht eine lange Tradition. Schon bei den Römern kamen sie als Delikatesse auf den Tisch. Im klösterlichen Speiseplan waren die Schnecken – weder Fisch noch Fleisch – als Fastenspeise beliebt. Und im Wien des 18. und 19. Jahrhunderts wurden die Weinbergschnecken gar zu „Wiener Austern“ geadelt. Eigentlich erstaunlich, dass das proteinreiche Superfood eine längere Durststrecke durchmachen musste, ehe es Genießer wieder entdeckten. Als Arme-Leute-Essen waren Schnecken allerdings über die Jahrhunderte willkommen. Die Renaissance kam durch die Slow Food Bewegung.
Simone war entschlossen, dabei zu sein, brauchte aber einen Platz für die „Farm“. Gut, dass sie in Ellmau eine so weitläufige Verwandtschaft hat. Dazu zählt auch der prämierte Ellmauer Schnapsbrenner Wolfgang Kaufmann. Ihn konnte sie von ihrer Idee überzeugen, und er hat auf seinem Hof Platz genug – auch für eine Schneckenfarm.
Amors Pfeil
Weil sie keine halben Sachen macht, absolvierte Simone erst mal ein Schneckenzuchtseminar in Wien. Und noch bevor sie mit der Zucht begann, legte sie sich ein Terrarium zu. „Da hab‘ ich die Schnecken studiert,“ sagt sie, „wie sie fressen, wie sie sich paaren, sich fortpflanzen.“ Sie wurde zur Schneckenexpertin, weiß, dass die Weichtiere Zwitter sind und trotzdem von Amors Pfeil getroffen werden können – im Liebesvorspiel, erzählt Simone, schießen Weinbergschnecken einen Kalkpfeil ab. Und kleine Schnecken schlüpfen auch nicht, das Ei wird zum Haus.
Wunderbare Vermehrung
2018 kaufte Simone mit mit Wolfgang die ersten 500 Schnecken und legte die zwei Gehege an. Das war 2018 und die Geburtsstunde des Projekts Kaiserschnecke. Inzwischen sind aus den ersten 500 Weinbergschnecken 50.000 Tiere geworden.Zur Zucht hat sich Simone nicht für die einheimische Schneckenart entschieden, sondern für die mediterrane Verwandte. Denn die braucht nur ein Jahr bis zur Geschlechtsreife. Damit für die Schnecken der Tisch immer reichlich gedeckt ist, nutzt Simone Lebensmittelreste von Supermärkten, die sonst im Müll landen würden – und Eierschalen. Die sind für die Weinbergschnecken besonders wichtig, für den Hausbau und zum Eierlegen.
Klimafreundliches Superfood
„Wenn das Haus einen Tellerrand hat, ist die Schnecke erntereif“, weiß Simone inzwischen. Geerntet wird im Herbst. Denn dann gehen die Schnecken in ihren Winterschlaf. Oder sie landen im Kochtopf – schlafend. „Sie sind sofort tot“, erklärt die Züchterin und dass es wohl kein Nutztier gibt, das schonender stirbt. Nicht nur das, die Schneckenzucht ist auch umweltfreundlich, braucht wenig Platz und wenig Wasser. Zum Vergleich hat Simone einige Zahlen parat: „Für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt man in etwa 15.000 Liter Wasser (inkl. Trinkwasser für das Rind, Bewässerung der Futtermittel und Wasser für die Verarbeitung) und 150 Kilogramm Nahrung. Für ein Kilo Schneckenfleisch braucht man zwei bis drei Liter Wasser und ein Kilogramm Nahrung.“ Und das Superfood liefere zudem die gleiche Menge Protein wie Fleisch.
Zum Fressen gern
Kein Wunder, dass Simone Schnecken auch gern als Delikatesse auf dem Teller sieht. Derzeit experimentiert sie mit „Schneckenkaviar“, Schneckeneier in Salzlake. Inspiration für neue Rezepte hat sie sich gerade in Paris geholt, wo sie gleich drei Mal Schnecken gegessen hat – jedes Mal nach einem anderen Rezept. Bei ihren Führungen durch die Schneckenfarm dürfen die Gäste Simones eigene Kreationen kosten.
Feurige Zucchini-Schneckenbällchen zum Beispiel oder überbackene Kaiserschnecke. Simone hat ihre Schnecken zum Fressen gern. „Sie schmecken wunderbar nach Wald, leicht nussig und nach Pilzen“, schwärmt sie und hofft, dass ihr Superfood auch in Gourmet-Restaurants auf die Speisekarte kommt. Immerhin: Der Bergdoktor war auch schon da.
Kurz informiert
Schneckenfarm: Kaiserschnecke, Mühlberg 5, A-6352 Ellmau, Tel. 0043/664/4541-203, E-Mail: simone@kaiserschnecke.at, www.kaiserschnecke.at
Eine Weinbergschneckenfarm-Führung mit Simone kostet 19 Euro inklusive Verkostung.
Tipp: Gleich nebenan befindet sich die Mühlberg Rem von Wolfgang Kaufmann, wo man nicht nur seltene Obstbrände verkosten kann oder den Mountain Gin, sondern auch selbstgebrautes Bier: Tel. 0043/676/3374406, E-Mail:
office@kaufmannspirits.com, https://kaufmannspirits.com/











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Barbara Friederike
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