Schmetterlinge schweben über den Blüten, ein Käfer krabbelt durchs Gras, Vögel zwitschern. Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in einem ganz normalen, etwas unaufgeräumten Garten – ein bisschen Wildwuchs, hohes Grad und viele Kräuter in Beeten. Doch für Maria Teresa Bortoluzzi – schmal, dunkle Haare – ist dieses Stückchen Natur auf über 1000 Metern eine Apotheke. „Die Natur ist genial“, schwärmt die Kräuterfrau, die hier in Mölten alle Resi nennen. Natürlich kennt sie jedes Kraut und weiß auch um die Heilkräfte von Engelwurz, Schafgarbe, Löwenzahn, Pimpernelle & Co.
Im Zaubergarten
Ob Spitzwegerich oder wilder Hopfen, Beinwell oder Riesenklette – in Resis Zaubergarten haben sie ein Plätzchen. Sie kennt die verborgenen Qualitäten, weiß, wann und wozu Blätter, Blüten oder Wurzeln gebraucht werden. Die Spitzen vom wilden Hopfen, kurz sautiert: „göttlich“. Die Wurzel der Nachtkerze als Würze im Brot. Die Blüte der Goldmelisse fürs Kräutersalz. Die zarten Blätter der Schafgarbe zur Butter, Spitzwegerich als Spinat. Und dann natürlich die Vielfalt im eigenen Kräutertee.
Seelentröster
Seit zwei Jahren veranstaltet die dreifache Mutter ehrenamtlich Kräuter-Workshops und arbeitet dabei eng mit dem Verein NaturGut in Mölten zusammen. Ihr Garten hat ihr über familiäre Schicksalsschläge hinweg geholfen. Ihr Mann, mit dem sie gemeinsam eine Schutzhütte führte, kam bei einen Lawinenabgang ums Leben, die älteste Tochter starb an einer Lungenembolie. Resi hat getrauert. Aber sie hat sich durchgebissen und dank der von einem Arzt entwickelten Gemmo-Therapie „eine Welt für sich“ entdeckt.
Die Welt der Gemmo-Therapie
Denn in der Knospe (Gemmo), verrät sie, ist die Information der ganzen Pflanze gespeichert. Haselnuss, Holunder, Hagebutte oder schwarze Johannisbeere eignen sich nach Resis Erfahrung für die Gemmo-Therapie. Die schwarze Johannisbeere gelte gar als Booster dieser Therapie. Und Gemmo Gingko helfe gegen Konzentrationsschwäche. Damit hat Resi kein Problem. Sie kennt zu jeder Tinktur die richtige Mischung bis auf den Milliliter. Und sie schwört auf ihre Naturapotheke: Dank Bibernelle, sagt sie, habe sie seit zwei Jahren keinen Infekt mehr gehabt.
Ein Lob der Frauen
„Total tough“ seien die Frauen in Jenesien, ja in ganz Südtirol, sagt eine, die es wissen muss. Petra Oberkofler (53), groß und dunkelhaarig, führt mit ihrer Schwester Maria zusammen das Gasthaus Zum Hirschen in Jenesien, das sie von der Mutter übernommen haben. Die hatte sieben Kinder und managte nebenbei die Wirtschaft, „allein“. Kein Wunder, dass Tochter Petra davon überzeugt ist, dass Südtirols Frauen „alles am Laufen halten“.
Das freie Leben
So eine Frau, die alles am Laufen hält, ist auch Hildegard Plattner – schlank, hellblonde Locken. Die Bäuerin vom Leitnerhof, der auf 1450 Metern inmitten grüner Weiden und mit Blick auf die Dolomiten thront, vermietet drei Ferienwohnungen und verkauft im eigenen Hofladen vorwiegend Selbstgemachtes und hofeigene Produkte. „Von zwölf Milchkühen“, sagt die Mutter von vier Söhnen „kann man nicht mehr leben“. Der Bauernhof sei ein Familienbetrieb, da werde jede Hand gebraucht. „Wir lieben es, unabhängig zu sein“, sagt die 52-Jährige, auch wenn sie oft von früh um 5 Uhr bis abends um 9 Uhr auf den Füßen sei. „Wir backen unser eigenes Brot im alten Brotbackofen, haben unser eigenes Quellwasser, Heumilch von unseren Kühen und Fleisch von unseren Schweinen.“ Für Katharina ist das gelebte Freiheit.
Das Wissen der Alten
Sie ist auf einem Bauernhof geboren und hat in einen Bauernhof hineingeheiratet. Tradition ist ihr wichtig. Den Kräutergarten umgibt ein Speltenzaun aus Lärchenbrettern, die von biegsamen Fichtenästen zusammengehalten werden – so, wie in alten Zeiten. Das habe ihr Mann vom Vater gelernt, weiß Katharina, „und die Söhne lernen von ihm.“ Das ist ihr wichtig, denn „wenn niemand das alte Wissen weitergibt, geht es verloren“. Trotzdem lebt die Familie am Leitnerhof nicht außerhalb der Zeit. Sie weiß durchaus die Vorzüge der Moderne zu schätzen. Ein Großteil des benötigten Stroms kommt aus der Photovoltaik-Anlage am Hof.
Produkte vom Hof
Die Gäste schätzen nicht nur den grandiosen Blick auf Schlern und Rosengarten, auch das Frühstück mit den hofeigenen Produkten kommt gut an. Den Fichtenspitzaufstrich, das Kräutersalz oder den auf dem Hof geräucherten Speck kann man auch mit nach Hause nehmen. Ein älteres Ehepaar aus dem deutschen Osten kommt schon seit langen Jahren. „Wir haben die Kinder aufwachsen sehen“, erzählen die beiden und schwärmen von Katharinas immerwährender Freundlichkeit. Um diese Gastfreundschaft zu erleben, nehmen sie auch die lange Anreise und so manchen Stau am Brenner in Kauf.
Gäste aus der weiten Welt
Auch Astrid Ploner (68)- dunkle Haare, kleine Ohrringe – führt mit ihrem Mann Alex Götsch einen Ferienhof in Jenesien und berichtet von „schöner, kreativer Arbeit“. Aber der Tag habe schon auch viele Stunden“, meint sie, da sei Idealismus gefragt. Kinder gibt es beim Lochbauer keine, aber einige Katzen, einen freundlichen Hund und auf der Wiese zwei Esel. Astrid mag den persönlichen Kontakt zu den Gästen, die oft von ganz weit her auf den – luxuriös ausgebauten – Südtiroler Hof kommen. Selbst aus Saudi Arabien hatte sie schon Gäste, was nicht immer einfach war. Man müsse mit dem Herzen dabei sein, sagt die Gastgeberin, die zum Frühstück gern auch Selbstgemachtes serviert.
Ein Quell der Freude
Stammgäste schätzten die Ruhe auf dem Hof, auch die Vertrautheit mit den Gastgebern. Astrid ist dankbar dafür, dass der Tourismus in Jenesien kleinräumig geblieben ist. So bliebe das Dorfbild erhalten und die Kirche im Dorf, freut sie sich. So fänden die Gäste im Hochtal noch das, was anderswo selten geworden ist, eine ursprüngliche Kulturlandschaft mit viel Natur. Die ist auch für die Gastgeberin ein Quell der Freude – trotz der vielen Arbeit.
Wanderlust
Maria Nussbaumer – schmales Gesicht, zu Zöpfen geflochtene dunkelblonde Haare – musste bis zum Ruhestand warten, um ihre Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Mit 60 sagte sie ihrer Arbeit in der Forstverwaltung ade und machte eine Ausbildung zur Wanderleiterin. Familie und Beruf hatten ihr zuvor keine Zeit dafür gelassen. Jetzt ist sie glücklich, wenn sie Gästen die schöne Umgebung im Hochtal von Jenesien zeigen kann. Hier sind die Straßen schmal und kurvenreich, die Höfe liegen verstreut auf den Höhen. Manche haben dramatische Geschichten erlebt. Davon berichten Stelen auf dem Weg zur neuesten Attraktion in Jenesien – Südtirols längster Hängebrücke im Marterloch.
Das Geheimnis der Brücke
Der – barrierefreie – Weg führt durch Wiesen und Wälder, vorbei an Höfen mit blühenden Bauerngärten. Dazwischen viele Kastanienbäume. Ihre Früchte, so erzählt es Maria, halfen früher dabei, drohende Hungersnöte zu verhindern. Denn in Jenesien und um den Tschöggelberg habe in vielen Sommern Trockenheit geherrscht. Heute kommt das wertvolle Nass aus dem wasserreichen Sarntal – auch über die neue Hängebrücke, die mit einer Wasserleitung kombiniert ist. Die 2,5 Millionen Investition soll sich für das früher arme Tal gleich in doppelter Hinsicht lohnen.
Die Tradition der Grampen
Overtourism wird es hier trotzdem kaum geben. Dazu ist die Hängebrücke zu abgelegen. Aber wer sich für Südtirols Natur und Tradition interessiert, ist im stillen Martertal gut aufgehoben. Auch hier spielen und spielten die Frauen eine wichtige Rolle: Die Infotafel 19 erzählt von den Grampen, meist Bäuerinnen aus dem Sarntal, die in Tragekörben ihre Erzeugnisse auf den Markt in Bozen trugen und damit zum oft kargen Familieneinkommen beitrugen. Sie schleppten ihre Bürde über den Saumpfad durchs Marterloch. Ein flacher Stein am Wegrand – die Grampenrast – erinnert an den mühseligen Weg, der nur mit Pausen zu bewältigen war.
Die Bäuerinnen von heute tun sich da leichter. Wie Hildegard Plattner verkaufen sie ihre Produkte am liebsten an Ort und Stelle – im Hofladen.
Kurz informiert
Allgemein. Jenesien und Mölten liegen auf dem Tschöggelberg zwischen Bozen und Meran.
Anreisen. Über den Brenner und Bozen, die Abzweigung Jenesien ist leicht zu übersehen. Von Terlan aus ist die Abzweigung Mölten gut ausgeschildert.
Kräuter-Workshop. Den Kräuter-Workshop mit Maria Teresa Bortoluzzi kann man am besten über den Tourismusverein buchen: https://www.moelten.net/de/moelten/service-info/events/alle-veranstaltungen-in-moelten.html
Ferienhöfe. Leitnerhof, Lanzenweg 6, 39050 Jenesien/Flaas, Südtirol. Tel. 0039/346/2102192, E-Mail: info@leitnerhof.eu, www.leitnerhof.eu, Fewo ab 95 Euro
Lochbauer, Zum Kreiter 6, 1-39010 Mölten, Südtirol, Tel. 0039/349/1304281, E-Mail: info@lochbauer.it, https://Lochbauer.it, DZ mit Frühstück ab 175 Euro
Mehr Ferienhöfe in Südtirol finden sich unter www.roterhahn.it
Wandern. Nicht versäumen sollte man die leichte Wanderung auf den Salten mit den typischen Lärchenwiesen und den fantastischen Ausblicken auf die Dolomiten und das Ortlergebirge. Im Gasthaus Langfenn neben dem Kirchlein kann man sich vor oder nach der Wanderung stärken.
Wer beim Wandern gern mehr über die Geschichte der Gegend erfahren oder weniger bekannte Wege erkunden will, kann sich auch führen lassen. Wanderführerinnen oder Führer bucht man am besten über die Homepage www.wanderfuehrer.it
Genießen. Gasthof zum Hirschen, Piazza Schrann 9c, 39050 Jenesien, Tel. 0039/0471/354195, www.hirschenwirt.it
Informieren. Tourismusverein mölten www.moelten.net, Tourismusverein Jenesien www.jenesien.net, Tourismusverein Sarntal www.sarntal.com













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Anja Keul
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Grazyna Kotlubei
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