Familienaufstellung

Der Titel ist eher etwas irreführend: „Rosaleens Fest“ suggeriert, Anne Enrights Roman handele von einem Familienfest, ein dankbares Thema in der Literatur und im Film. Dabei hat die irische Autorin das Weihnachtsfest nur zum Anlass genommen, um eine fatale Mutter-Kinder-Beziehung zu thematisieren und das in der ihr eigenen emotionalem Ehrlichkeit.
Rosaleen, eine „Frau, die nichts tat und alles erwartete“, will das Haus verkaufen, in dem ihre vier Kinder groß geworden sind. Zum Weihnachtsfest sollen sie deshalb noch einmal alle zusammen kommen. Die 76-jährige Mutter und „vier Kinder auf der Schwelle zum mittleren Alter“. Die beiden Söhne Dan und Emmet, die sich den mütterlichen Übergriffen durch die Flucht in die Ferne entzogen haben. Der attraktive Dan, der sich nur zögernd zu seiner Homosexualität bekennen konnte und der ruhelose Emmet, der als Entwicklungshelfer seine Bindungsunfähigkeit zu vergessen sucht. Und die ungleichen Schwestern Hanna und Constance, denen es nicht ganz so gut gelungen ist, sich der Einflusssphäre Rosaleens zu entziehen. Die bildschöne Hanna scheitert als Schauspielerin und als Mutter und flüchtet sich in den Alkohol. Die patente Constance scheint die Bürde der Tochter einer fordernden Mutter nie abgeworfen zu haben und leidet unter der Überforderung: „Zwischen Brutpflege und Brustkrebs, zwischen Stillen und Sterben gab es keinen Zwischenraum, jedenfalls keinen, den sie erkennen konnte.“
Enright zeigt alle vier in ihrem so unterschiedlichen Lebensumfeld, ehe sie in dem alten Haus zusammenkommen, dem Archiv ihrer Kindheitserinnerungen. Schon damals war die Harmonie – von Rosaleen dramatisch eingefordert – Fassade. Jetzt ist sie es, die diese Fassade einreißt. Denn mitten im Fest verschwindet Rosaleen, überlässt die Kinder sich selbst und ihren Egoismen. Es hätte eine eine Katastrophe werden können, es ist aber eher eine Art Katharsis. Ein Erkenntnisgewinn für alle Beteiligten, die die Suche nach der Verschwundenen eint: „Sie waren sich der Komik der Situation durchaus bewusst, der Tatsache, dass jedes der Kinder nach einer anderen Frau rief. Eigentlich wussten sie gar nicht, wer sie war – ihre Mutter Rosaleen Madigan.“
Anne Enright konfrontiert die Leser mit einer Familienaufstellung. Es ist die präzise Innenansicht einer „heilen“ Familie, mit ihren Rissen und Abgründen, mit Liebe, Hass und Hassliebe, dem ganzen Kosmos von widersprüchlichen Gefühlen und der Wucht des Unwiederbringlichen. Großartig.
Info: Anne Enright, Rosaleens Fest, DVA, 384 S., 19,99 Euro

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