Ein Appell für die Bewahrung der Alpen

Über den Alpen Appell von Georg Bayerle (Mitte) diskutierten bei der Touristischen Runde v. links Thomas Dusch, Oskar Schwazer, Prof. Jürgen Schmude und Christine Buch. Lilo Solcher moderierte. f.

Über den Alpen Appell von Georg Bayerle (Mitte) diskutierten bei der Touristischen Runde v. links Thomas Dusch, Oskar Schwazer, Prof. Jürgen Schmude und Christine Busch.  Fotografiert hat bei der Touristischen Runde  Christian Beck/crystal communications

Die Berge sind unter Druck. Das zeigen Felsstürze und schmelzende Gletscher – mit oft tödlichen Folgen. Weniger Frost und weniger Schnee hat auch der Metereologe Carsten Schwanke festgestellt, dazu steigende Temperaturen im Sommer und – damit einhergehend den Verlust von Permafrost. Die Gefährlichkeit der Berge nimmt mit ihrer Gefährdung zu. Höchste Zeit also für einen Alpen Appell, wie Georg Bayerle sein aufrüttelndes Buch genannt hat.

Aufklären statt rechtfertigen

Bei der Touristischen Runde München im gut gefüllten Showroom von Crystal Communications zeigte sich der Autor als streitbarer Verfechter von Natur- und Klimaschutz und kritisierte die Aufweichung der Umweltverträglichkeitsprüfung scharf. Grundsätzlich will Bayerle, selbst leidenschaftlicher Skifahrer, aber kein Spaßverderber sein. Mit seinem Buch will er aufklären, Bewusstsein wecken für die Gefährdung derAlpen. Auch dafür, dass es „in extremem Profil“ keine hundertprozentige Sicherheit gibt: „Der Berg kommt, wann er will.“ Festungsartige Bauwerke in Flüssen und an Lawinenhängen stellt er als alleinigen Lösungsweg ebenso in Frage wie weitere Pumpspeichervorhaben. Die Frage sei doch: „Rechtfertigt unser Konsumniveau, ein unberührtes Bergtal zum Stausee zu machen?“

Fragwürdige Schneegarantie

Die Umweltproblematik, fürchtet der Autor, ist noch längst nicht bei allen angekommen „Wir machen immer so weiter wie bisher.“ Das gelte auch für den Wintertourismus, wo für die Beschneiung eine „straßenähnliche Infrastruktur“ in die Landschaft gebaut werde. Man müsse sich schon fragen, ob in Zeiten des Klimawandels die Idee der Schneegarantie noch richtig sei. Allerdings hätten sich die Menschen bereits an das neue Normal gewöhnt, an die technisch zugerichtete Natur mit glatten Kunstschneepisten und Speicherseen, die sich als Bergseen tarnten. Selbst im Sommer sei die ursprüngliche Natur bedroht, die Berge würden alsAbenteuerspielplatz inszeniert. „Wir sind Leidtragende und Verursacher zugleich“, konstatiert Bayerle und plädiert für einen besseren Umgang mit der Natur.

Naturräume bewahren

Die Alpen böten schließlich vieles, was auch für den modernen Menschen sinnvolle Erfahrungen ermögliche – Handwerkstraditionen zum Beispiel oder ein Leben im Einklang mit der Natur. Es gelte, so viele Naturräume wie möglich für die kommenden Generationen zu bewahren – auch durch strenge Schutzvorschriften. Und statt massenhafter Reproduktion von Berg-Klischees könnten realistische Aufnahmen dabei helfen, ein neuesVerständnis für die gefährdete Natur zu finden. Die Alpennatur müsse im Mittelpunkt stehen und dürfe nichtzu spektakulären Kulisse verkommen, so der Autor. Sein Blick auf die Zukunft ist aber nicht nur pessimistisch, denn es gäbe sie ja, die guten Beispiele, die auf alpinen Kulturtechniken aufbauen, die Ideen für eine andere Mobilität.

Unterschiedliche Wintersport-Typen

Tourismusforscher Prof. Jürgen Schmude knüpft an die Bildsprache an, die Bayerle skizziert hat. Der Urlaub werde über schöne Bilder verkauft, gibt er zu bedenken. Forschungen zeigten, dass die Menschen sich im Alltag anders verhielten als im Urlaub, verantwortungsvoller. Und was den schneearmen Winter angeht, seien die Reaktionen der Skifahrenden unterschiedlich. Da gäbe es den „time switcher“, der etwa vom schneelosen Weihnachten auf Ostern ausweicht. Der „activity switcher“ wiederum könne auch im Winter vom Skifahren aufs Wandern umsteigen. Problematischer, was die Umweltbelastung angeht, sei der Destinationsswitcher“, der für den ersehnten Schnee auch eine längere Anreise in Kauf nimmt. Problematisch bleibe die An- und Abreise mit dem Auto, oft auch die Mobilität vor Ort. Dazu komme die soziale Komponente durch die Technisierung der Pisten. Weil dadurch Skifahren immer teurer werde, gehörten Familien zu den Verlierern.

Rücksicht auf die Ansprüche aller

Christine Busch, Geschäftsführerin bei der deutschen Alpenkonvention Cipra, weist darauf hin, dass der – touristische – Druck auf die Alpen nicht neu ist. Auch deshalb habe sich 1952 bereits die Cipra gegründet und 1991 ist die Alpenkonvention daraus hervorgegangen, mit der sich acht Alpenländer und die EU zum Schutz des Alpenraums und des Lebens in den Bergen verpflichteten. Doch trotz aller Bestrebungen in Richtung Nachhaltigkeit seien „viele Verluste“ zu beklagen und ein „massiver Ausbau“. Doch es gäbe auch kleine Erfolge. So werde die Beschneiung ab 2026 nicht mehr über die Seilbahnförderung finanziert. In der sensiblen Alpenlandschaft müsse man die Ansprüche aller berücksichtigen – nicht nur die der Touristen. Busch, die einen Lehrauftrag an der Sporthochschule Köln im Bereich Ski hat und selbst gern Ski läuft, ist allerdings davon überzeugt, dass es keine klimaneutralen Skigebiete geben kann. Schneekanonen seien nicht nur energie- und wasserintensiv, sie sorgten auch für ökologische Veränderungen.

Motor für die Region

Da will Thomas Dusch von der Allgäuer Bergbahn-Initiative e.V. und Geschäftsführer der Bergbahnen Ofterschwang-Gunzesried, nicht mitgehen. Im Allgäu werde mit Oberflächenwasser beschneit, das im Speicherteich gesammelt werde. Von diesen Speicherteichen profitierten im übrigen auch die Hirten in den Sommermonaten. Der für den Betrieb nötige Strom sei oft selbst produziert. „Ich habe kein schlechtes Gewissen“, stellt Dusch klar. „Auch wir leben von intakter Natur.“ Die Bergbahnen seien ein Motor für die Region, schafften Arbeitsplätze – oft durch „hohe Investitionen“. Das Allgäu brauche den Tourismus und müsse auch die Bedürfnisse der Gäste erfüllen. Nötig sei da oft ein Spagat zwischen Naturschutz und Wirtschaftlichkeit. Man müsse so investieren dass das Investment das ganze Jahr über genutzt werden kann – zum Beispiel für Wandernde.

Die richtige Erzählung

Auch jenseits der Winterproblematik sieht Oskar Schwazer, Geschäftsführer von Garda Trentino und Gastgeber des Abends ein Kommunikationsproblem im Tourismus. Man bräuchte Natur-Influencer, die richtige Erzählung, die auch die Bevölkerung vor Ort mitnehme. Garda Trentino ist vom Global Sustainable Tourism Council als nachhaltige Destination zertifiziert, „die höchste Zertifizierung, die man erreichen kann.“ Doch leicht sei der Weg dahin nicht gewesen. Man müsse nicht nur Hoteliers und Tourismusverantwortliche mitnehmen, sondern auch die Bevölkerung von den Vorteilen einer solchen Zertifizierung überzeugen. Am besten durch Aussicht auf Profit. Von den 660 Millionen Euro Wertschöpfung jährlich blieben 80 Prozent in der Region, betont Schwazer. Als neue Währung im Tourismus sieht er „buchbare Erlebnisse“.

Für und wider

Die anschließende rege Diskussion kreiste um unsinnige Winterinvestionen wie an der Jennerbahn, um Best Practice wie am Hörnle, wo der alte Lift saniert wurde, auch um Sinn und Unsinn von Skifreizeiten. Dabei gingen die Meinungen oft weit auseinander. Während die einen mit den Vorteilen von schulischen Skilagern wie Gemeinschaft oder sportlicher Bewegung in frischer Luft argumentierten,  sahen die anderen kaum noch Zukunft für Skisport in niedrigeren Regionen. Außerdem werde Skifahren zunehmend zum Luxusprodukt.

Weitere Infos

Das Buch „Der Alpen Appell“ von Georg Bayerle ist bei Tyrolia erschienen und kostet 20 Euro, Mehr zum Buch:
https://www.lilo-liest.de/die-alpen-sind-kein-funpark/

Zu den Studien von Professor Jürgen Schmude: https://www.geo.lmu.de/geographie/de/personen/kontaktseite/juergen-schmude-15a82fbf.html

Infos zu Cipra:  https://www.cipra.org/de/cipra/deutschland

Zur Nachhaltigkeit der Allgäuer Bergbahnen:
https://b2b.allgaeu.de/presse/pressetexte/winter-im-allgaeu-attraktiv-und-relevant-bleiben

Zu Garda Trentino:  https://www.gardatrentino.it/en/discover/sustainability

2 Kommentare
  • Anja Keul
    November 24, 2025

    Liebe Lilo, merci für die informative Zusammenfassung! War auch eine tolle Idee, das mit Crystal zusammen zu machen. Ich freue mich auf weitere interessante und streitbare Runden!
    Liebe Grüße
    Anja

    • lilo
      November 24, 2025

      Danke fürs Lob, Anja. Und gern weitere streitbare Runden, wenn Thema und Location passen.

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