„Duisburg ist echt – entdeckenswert” so der Slogan des Duisburg Kontors. Bis 2030 will die Stadt im Ruhrgebiet gar an vorderster Front im Tourismus mitspielen, so dessen Leiter Kai-Uwe Homann. Und wenn es nach Henning Deuter von der Ruhr Tourismus GmbH geht, soll das ganze Ruhrgebiet „eine der weltweit führenden Städtedestinationen“ werden. Echt jetzt? Kann aus dem einstigen Aschenbrödel eine Prinzessin oder besser ein Top Model werden? Oder ist das nicht zu hoch gegriffen?
Binnenhafen und Brautmoden
Homann kann mit einigen Superlativen gegenhalten: Duisburg ist der weltgrößte Binnenhafen, die Stadt hat mit dem Landschaftspark Nord die zweitgrößte Ruhrgebiets-Attraktion nach Zeche Zollverein, in Marxloh die zweitgrößte Moschee Deutschlands und eben dort mit 52 Brautmoden-Geschäften den wohl größten zusammenhängenden Hochzeit-Hotspot in Europa. „Wir sind der größte Abenteuerspielplatz Europas“ sagt der Touristiker scherzhaft und fügt noch hinzu: „Wir hatten keine Chance, aber wir haben sie genutzt.“ Und wie!
Die Neu-Erfindung
Das erschließt sich uns schnell bei einem längeren Spaziergang mit Guide Frank Switala – grauer Dreitagebart, blaue Augen mit Lachfalten. Der gebürtige Duisburger, der Geschichte, Politik und Anglistik studiert hat, hat vor 30 Jahren sein Hobby zum Beruf gemacht und führt mit ansteckender Begeisterung Gäste durch seine Stadt. Nach einem kurzen Exkurs in die Geschichte, die bis ins neunte Jahrhundert oder noch weiter bis in die Römerzeit zurückreicht, kommt er schnell zu der jüngeren Vergangenheit und die „Neu-Erfindung des Ruhrgebiets“ nach dem Ende von Kohle und Stahl.
Der große Kartograph
Besonders eindrucksvoll zeigt sie sich im Innenhafen mit dem imposanten Backsteinbau des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, bei dem Duisburg eher überraschend den Zuschlag bekommen habe. Switala erzählt die Vergabe-Geschichte im Schnelldurchgang und mit viel Witz. Ganz offensichtlich liebt er die Stadt, sieht aber auch ihre Schattenseiten und so manche Fehlentscheidung wie den Abriss des Mercator Hauses. Immerhin hatte Gerhard Mercator Duisburg im 16. Jahrhundert zum Zentrum der Kartographie gemacht.
Berühmte Architekten
Dafür durfte sich Sir Norman Forster am Innenhafen mit einen Gesamt-Masterplan zur Neugestaltung des Innenhafens unter dem Arbeitstitel „Wohnen und Arbeiten am Wasser“ verwirklichen und der britische Stararchitekt Nicholas Grimshaw einen ikonischen Häuserblock hinstellen, „Five Boats” genannt. Schließlich konnte das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron im Backsteinbau der Küppersmühle moderner Kunst von Richter, Kiefer, Baselitz & Co eine große Bühne bereiten.
Eine etwas andere Synagoge
Mit dem Park der Erinnerung des Israeli Dani Karavan und dem Neubau der Synagoge hat sich Duisburg noch etwas Außergewöhnliches getraut und Industrie-Relikte wie Mauerreste in ein Landschaftskunstwerk verwandelt. So wurde die Synagoge nach dem Vorschlag des israelischen Architekten Zvi Hecker in Betonskelette integriert. Das Ganze soll wie ein aufgeschlagene Buch wirken. Eindrucksvoll!
Inzwischen ist es dunkel und kalt geworden. In der Gruppe macht sich allmählich Unruhe breit. Zeit für einen gemütlichen Ausklang im Königs-Pilsener-Wirtshaus. Morgen ist auch noch ein Tag.
Der Landschaftspark
Und der beginnt mit Regen. Dabei wollen wir heute den viel gerühmten Landschaftspark anschauen, ein ganz besonderes Freiluftmuseum. Nein, kein Museum, sagt Manuela Sass, die sich mit rosa Mütze, rosa Anorak uns türkisem Schal schon auf Wetterunbilden eingestellt hat. Für den Landschaftspark müsse man schließlich keinen Eintritt bezahlen.
Untertauchen im Gasometer
Sieht man die gigantischen Hochöfen, die Rohrkonstruktionen, den Gaskessel kann man kaum glauben, dass sich die Leute hier frei bewegen dürfen. Nur beim Hochseilklettergarten am Hochofen 2 geht nichts ohne Führung. Und natürlich im Gasometer, wo Taucher heute eine ganz einzigartige Unterwasserwelt erkunden können. Ohne Fische, dafür mit Flugzeugen und Autos.
Ein hartes Leben
Nur am Hochofen 5, der als letzter stillgelegt wurde, kann man den Weg vom Erz zum Eisen noch nachverfolgen. Am besten mit einer so gut gelaunten Führerin wie Manuela Sass, die allen Wetterunbilden trotzt. Die „Duisburgerin durch und durch“ (Sass über Sass) hat ihren Job als Innenarchitektin hingeschmissen, um ihre zwei Leidenschaften zum Beruf zu machen: Duisburg und das Reisen. Als ausgebildete Reiseleiterin und Gästeführerin hat sie den Kontakt zu Menschen, der ihr in ihrem alten Beruf fehlte. Die Freude daran teilt sie bei ihren interaktiven Führungen ebenso wie ihr großes Wissen.
Manuela Sass schafft es, uns bei strömendem Regen mit dem harten Alltag der ersten Hüttenwerker vertraut zu machen, die sich in der Gießhalle mit Holzschuhen und Filzhut gegen die Gefahren beim Abstechen des auf 1400 Grad erhitzten Roheisenstroms wappneten. Das war nicht nur gefährlich. Es war harte Arbeit – oft zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, auch wenn der Verdienst gut war. Und das Ende war wohl schmerzhaft. Ein Arbeiter namens Paul hinterließ auf einem Rohrdeckel das Datum 4.4.1985.
Der Landschaftspark hat sich tatsächlich zu einem Ort für jedermann und jedefrau entwickelt. Auch Filmteams sind hier gern zugange. Für „Manta, der Film“ wurde die Hochofenstraße zum Drehort. Und vor vier Jahren, so die Führerin mit unverhohlenem Stolz, war sogar Hollywood da – für einen Dreh des Prequels der Tribute von Panem.
Wiedersehen mit Schimmi
Inzwischen hat der Regen sintflutartige Züge angenommen und wir flüchten in den Bus. Aber wir wollen Duisburg nicht verlassen, ohne einem Mann begegnet zu sein, den alle kennen: Horst Schimanski. Was wäre Duisburg ohne den Draufgänger Schimmi? „Beim Hübi” in der Horst-Schimanski-Gasse gibt’s erstmal die berühmte Currywurst. Und dann kann Frank Switala nochmal eine Probe seines Alleinunterhalter-Talents abliefern.
Die Irrungen und Wirrungen, bis die Gasse ihren Namen bekam und die kleine Büste ihren Sockel schildert er mit bissigem Humor. Die Stadt wollte wohl nicht so recht mitziehen beim Schimanski-Memento in Ruhrort, dem Sankt Pauli des Ruhrgebiets. Der gigantische Kopf „Das Echo des Poseidon” von Markus Lüpertz auf der Mercator Insel wendet denn auch den Blick in die andere Richtung.
Tante Olga und Udo Lindenberg
Dabei ist Ruhrort „eine Großstadt unterm Brennglas“, wie Frank meint. Hier seien Arbeitslose ebenso zu Hause wie Milliardäre, Katholiken wie Protestanten. Und in den noch verbliebenen Kneipen wie „Beim Hübi“ oder „Bei Gerda” haben sich die Erinnerungen an alte Zeiten, als die Menschen noch ohne Social Media zu einander fanden, erhalten. Auf einer Kneipentour könnte man noch mehr Geschichten erfahren, sagt der Guide. Zum Beispiel über „Tante Olga”, die in der Fabrikstraße 8 ein florierendes Etablissement führte, wo Udo Lindenberg ein und aus ging.
Da sage noch einer, Duisburg sei nicht entdeckenswert. Wir haben jedenfalls in dieser lange unterschätzten Stadt genug entdeckt, um wiederkommen zu wollen.













lilo
Anja Keul
lilo
Grazyna Kotlubei
lilo