Der Judenjunge und der Nachbar Hitler

Edgar Feuchtwanger (c) Bertil Scali

Edgar Feuchtwanger (c) Bertil Scali

Edgar war fünf Jahre alt, als Hitler seine Wohnung bezog, er war 15 als der Diktator die Welt in eine Katastrophe stürze. Zehn Jahre lang hat der Junge mit angesehen, wie die Nazis ihre Macht ausbauten, wie aus dem Nachbarn ein Diktator wurde. In dem Buch „Als Hitler unser Nachbar war“ versetzt sich der 90-Jährige zurück in diese Zeit. Wir sprachen mit Edgar Feuchtwanger, der seit 1939 in England lebt und sich als Geschichtsprofessor einen Namen gemacht hat.

Ihr Buch erzählt Weltgeschichte als Kindheitsgeschichte. Es war sicher nicht einfach für Sie, sich in den Jungen von damals zu versetzen, nachzufühlen, was er empfand. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich den Erinnerungen zu stellen? Edgar Feuchtwanger: Also, ich konnte mich ungefähr erinnern. Es ist auch immer wieder etwas zurückgekommen an Erinnerungsstücken. Bei den Feuchtwangers wurde viel diskutiert und politisiert. Wie ist es Ihnen gelungen, die Diskussionen zu rekonstruieren, etwa das Gespräch mit „Onkel Berthold“, in dem davon die Rede ist, dass Hitler vor dem Putschversuch 1923 Lion Feuchtwanger und Bertold Brecht im Café Heck mit Handschlag begrüßt hat? Edgar Feuchtwanger: Wie es wirklich war und wer welche Gespräche geführt hat, daran habe ich heute keine genauen Erinnerungen mehr. Es sind eher Bruchstücke, die sich zu einem Ganzen fügen. Sie hatten ja lange eine behütete Kindheit in einer wohlhabenden Familie. Der Vater war Verleger, Ihr Onkel Lion Feuchtwanger ein schon damals erfolgreicher Schriftsteller. Prominente Menschen gingen ein und aus. Trotz aller Ängste, die mit Hitlers Machtergreifung einhergingen, dachte die Familie lange nicht an Flucht, obwohl im Familien- und Freundeskreis immer wieder darüber diskutiert wurde. Warum nicht? Edgar Feuchtwanger: Ja warum? Flucht ist schwierig. Man hat gemeint, es geht vorüber. Oder man könne damit fertig werden, die Zeit überdauern. Mein Vater war Verleger, wir lebten gut. So leicht tut man sich nicht, einfach wegzugehen und alles aufzugeben. Ich war neun Jahre alt, als die Nazi-Herrschaft anfing. Und als Kind wollten Sie einfach dazugehören, Sie malten sogar Hakenkreuze und waren stolz, wenn die Lehrerin Sie lobte. Und dann wollte Ihr damals bester Freund Sie plötzlich nicht mehr sehen. Was haben Sie dabei empfunden, als Außenseiter abgestempelt zu werden? Schon vorher hatten Sie ja Ihr katholisches Kindermädchen verloren, das zu Ihrer glücklichen Kindheit beigetragen hatte. War es damals schon so eine Art Vertreibung aus dem Paradies? Edgar Feuchtwanger: Es wurde immer schwieriger, in einem jüdischen Haushalt ein nicht-jüdisches Kindermädchen zu haben, alles wurde immer enger. So genau kann ich mich da nicht mehr erinnern. Aber ich weiß noch, dass ich Hakenkreuze gemalt habe und dass ich Hitler oft gesehen habe. Wir wohnten ja gleich gegenüber. Ihr Jüdischsein wurde Ihnen erst so richtig bewusst, als es Ihnen von außen aufgedrängt wurde. Die Familie feierte Weihnachten wie die Nachbarn auch. Das änderte sich nach den Nürnberger Gesetzen. Der Vater beschäftigte sich intensiv mit dem Judentum, Sie feierten Ihre Bar Mizwa. Waren es die Nazis, die Sie bekehrt haben? Edgar Feuchtwanger: Nicht ganz. Mein Vater kam aus einem orthodox-jüdischen Haus, er war ja der Bruder von Lion Feuchtwanger, der mit dem Roman „Jud Süß“ Aufsehen erregt hatte. Das Elternhaus meiner Mutter war liberal jüdisch. So wurde ich nicht orthodox aufgezogen. Das Jüdische rückte erst allmählich ins Bewusstsein. Man hat es nie geleugnet, aber wichtig wurde es erst durch die Verfolgung. Tatsächlich haben die Nazis erreicht, dass der Glaube ab 1933 immer wichtiger wurde. Sie waren 14, als Ihr Vater nach Dachau gebracht wurde und die Gestapo die Bibliothek plünderte. Was ging da in Ihnen vor? Edgar Feuchtwanger: Das war ein großer Schrecken, eine direkte Bedrohung. Wir wussten ja nicht einmal, ob mein Vater Dachau überleben würde. Bis dahin hatten wir uns daran gewöhnt, dass Juden abgestempelt und verfolgt wurden. Immerhin konnte ich weiterhin in die Schule gehen, nach der Gäbele Schule ins Maximilian Gymnasium –bis zur Kristallnacht am 10. November 1938. Alles passierte ganz allmählich, fast schleichend. Hitler war bei uns immer präsent. Man konnte von uns aus sehen, wenn er da war. Seine Autos standen vor dem Haus. Ich wusste auch, dass Geli Raubal, Hitlers Nichte, sich in der Wohnung erschossen hatte. Aber die Zusammenhänge sind mir heute nicht mehr präsent. Kein Wunder, Sie waren damals sieben Jahre alt! Edgar Feuchtwanger: Ja, aber vielleicht habe ich damals mehr verstanden als es ein Kind für gewöhnlich tut. Alles war politisiert. Auch die Schule. Ich war auch schon sehr selbstbewusst, weil ich mitgekriegt habe, es sind die anderen, die im Unrecht sind – nicht wir. Und dann sind Sie doch noch fortgegangen. Mit einem teuren Familienvisum gelang der Familie schließlich die Flucht nach England. Edgar Feuchtwanger: Dieses Kapitalisten-Visum war eine Möglichkeit rauszukommen. Sonst wären wir umgekommen. Für uns war es ja besonders gefährlich, weil Onkel Lion ein prominenter Gegner der Nazis war. So gesehen ist es schon bemerkenswert, dass wir so lange unbehelligt blieben. Die 1000 Pfund für das Visum waren damals viel Geld. Onkel Lion und andere Verwandte konnten die Summe auftreiben und uns so zur Flucht verhelfen. Und der Name Feuchtwanger öffnete Ihnen in England viele Türen. Sie haben Karriere als Historiker gemacht. Wie ging es Ihren Eltern? Edgar Feuchtwanger: Mein Onkel war damals der bekannteste deutsche Schriftsteller in England. Das machte mir vieles leichter. Für die Eltern war es nicht so einfach. Sie mussten sich durchschlagen, die Mutter mit Näharbeiten. Aber was sollte mein Vater, der Verleger, in England machen? Irgendwie hat er sich so durchgeläppert. Sie haben dagegen in England Karriere gemacht. Edgar Feuchtwanger: Ich kam 1939 in die Winchester-Schule, eine der berühmtesten Schulen Englands. Da hatte ich Glück, das hat mir viel geholfen. Wann wurde Ihnen bewusst, welches Glück Sie hatten, den Nazis entkommen zu sein? Edgar Feuchtwanger: Ich möchte sagen, sofort. Mein Vater brachte mich damals an die holländische Grenze. Da schauten die Grenzer in unsere Pässe und fragten Vater, warum er nicht auch auswandere. Er musste noch einiges regeln vor der Flucht und deshalb wieder zurück nach München. So fuhr ich allein weiter. Irgendwie habe ich das damals schon als Befreiung empfunden. Ich war raus aus dem „evil empire“, dem Reich des Bösen. Und ich habe auch keine Minute daran gedacht, dass meine Eltern in Gefahr sein könnten. In England haben sich dann die Menschen gleich für mich interessiert, ich kam zu einer Familie nach Cornwall. Es war alles ein großes Abenteuer. Sie haben nach dem Krieg auch in Deutschland, in Frankfurt, gelehrt. Wie war es für Sie, ins Land der Täter zurückzukehren? Edgar Feuchtwanger: Ich war ja schon früher wieder in Deutschland, 1957 das erste Mal mit meiner Mutter. Damals empfand ich es als etwas seltsam, dass es offensichtlich keine Nazis mehr gab. Das konnte nicht stimmen. Es wäre besser gewesen, die Menschen hätten zugegeben auf Hitler reingefallen zu sein statt die ganze Zeit aus dem Gedächtnis zu tilgen. Es war ja auch für die Leute nicht einfach. Hitler war sensationell erfolgreich, und England wie Frankreich haben ihm so lange nichts entgegen gestellt bis es fast zu spät war. Er schien den Menschen damals fast wie ein Zauberer, der sie die Niederlage des 1. Weltkriegs vergessen ließ. Und sie wollten lange nicht glauben, dass der erfolgreiche Diktator scheitern könnte. Ist Hitler denn aus der Zeit erklärbar? Wie sehen Sie als Historiker heute den Nachbarn von damals? Edgar Feuchtwanger: Natürlich hat die damalige Zeit den Diktator hervorgebracht. Für Deutschland war der 1. Weltkrieg ein Trauma. Darauf konnte Hitler aufbauen. Die Weimarer Republik hat sich nie so recht etablieren können. Hitler schien da eine andere Möglichkeit. Also, man sieht ziemlich klar, wie es zur Machtübernahme kommen konnte. Wir haben es direkt miterlebt. Vis-a-vis. Auch die Villa Röhm gegenüber dem Prinzregententheater war in unserer Nähe. So waren wir quasi in der Mitte des Geschehens. Ich erinnere mich noch an den 30. Juni 1934, den Röhm-Putsch. Da war ich acht und gerade groß genug, um übers Fensterbrett zu schauen. Das ist mir noch im Gedächtnis: Wie da die Autos gebracht wurden, mit denen Hitlers Gefolge an den Tegernsee gefahren ist, um Röhm und seine SA festzunehmen und zu ermorden. Vor kurzem waren Sie auf Lesereise wieder hier. Wie erleben Sie das Deutschland von heute? Edgar Feuchtwanger: Ich finde, Deutschland hat sich vollkommen geändert. Ich wohne seit 75 Jahren in England. England hat nie die Erfahrung gemacht, dass sich plötzlich alles umdreht. Die Niederlagen in den Weltkriegen und die Wiedervereinigung waren auch eine Chance für einen Neu-Anfang. Die hat Deutschland genutzt. Und Europa? Sehen Sie die Gefahr eines Rechtsrucks? Edgar Feuchtwanger: Es sind sicher Gefahren da. Und ich sehe es als einen Fehler, so zu tun als sei diese Art Revolte gegen Europa unbedeutend. Die Bürger sind mit Brüssel nicht sehr zufrieden. Das kann man nicht ignorieren. Vielleicht müsste Brüssel viel vorsichtiger vorgehen. Die Verantwortlichen brauchen einfach mehr Fingerspitzengefühl. Trotzdem: Ich wäre schon froh, wenn es mit Europa weiter ginge.

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