Gerlinde Kaltenbrunner: Cinderella Caterpillar oder Königin des Himalaja

Sie ist  zierlich, das schmale Gesicht von kastanienbraunen Haaren umrahmt. Das soll der Welt beste Bergsteigerin sein, das weibliche Pendant zu Reinhold Messner?  Wie schafft es dieses zarte Persönchen, die höchsten Gipfel dieser Welt zu erobern, wie kann sie in der Todeszone überleben? Gerlinde Kaltenbrunners ungewohnt fester Händedruck zeigt, dass mehr in ihr steckt als man ihr ansieht. Ehrgeiz natürlich, aber auch Kraft, Durchhaltevermögen. Gerlinde Kaltenbrunner macht da weiter, wo die meisten Kerle schon aufgegeben haben. Das hat ihr den Spitznamen „Cinderella Caterpillar“ eingebracht. So nannten sie die kasachischen Bergsteiger, als sie am Nanga Parbat an ihnen vorbeistapfte.

Für die gelernte Krankenschwester aus Spital am Pyhrn, die in diesem Monat zusammen mit der Tschechin Lucie Orsulova dem Dhalaugiri I aufs Dach steigen will,  sind die Berge das Höchste der Gefühle. (Fast) wichtiger noch als ihre Liebe zu ihrem Lebens- und Berggefährten Ralf Djumovits, mit dem sie seit fünf Jahren im Schwarzwald lebt. Gefunkt hatte es am Kangchendzönga. Da haben die beiden ihre Seelenverwandtschaft erkannt. „Es gibt in diesen Höhen kein Verstecken mehr“,  sagt die 36-jährige Österreicherin, die mit 23 auf ihrem ersten Achttausender stand. Stärken und Schwächen liegen bloß. Ralf Djumovits bewundert Gerlindes Stärke, ihren Löwenmut – und er hat Angst um sie, immer wieder. Der Profi weiß, sie gehören zusammen, nicht nur auf den Bergen – und macht seiner Partnerin einen Heiratsantrag. „Es hat schon einen eigenen Reiz, auf 7200 Meter Höhe auf einer Isomatte liegend in die Sterne zu schauen und übers Heiraten zu reden“, räumt Gerlinde eine romantische Schwäche ein. Wo sonst als in den Bergen, hat sie eher realistisch in einem Interview gefragt, sollte jemand wie sie ihre Liebe finden.
Ende März haben die beiden einander im Standesamt das Jawort gegeben und im September wird in der Kirche geheiratet, wie es sich gehört. Und bei dem Pfarrer, der Gerlinde nicht nur getauft sondern auch zum Bergsteigen gebracht hat.  Erich Tischler war Seelsorger mit Lust am Abenteuer. Diese Lust hat er seinen Schäfchen vermittelt, allen voran der kleinen Gerlinde, in der er schon früh den „Leithammel“ erkennt. Sie ministriert bei der Frühmesse, marschiert im Stockdunkeln in die Kirche, scheut keine Mühen, um das in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Und der Pfarrer revanchiert sich, nimmt das Mädchen mit auf seine Touren. „Am Sonntag hat er unter dem Pfarrersgewand schon seine Bergschuhe getragen“, erinnert sich Gerlinde lachend. Der Rucksack stand bereit und nach der Messe ging’s hinaus in die Berge. „Heut’ kann er leider nimmer bergsteigen“, bedauert die junge Frau den alten Mentor. „Das ist echt schad.“ Sie weiß, was dem Pfarrer entgeht. „Bergsteigen in traumhafter Landschaft ist das Schönste, was es gibt.“
Auch dabei schont Gerlinde Kaltenbrunner sich nicht. Sie ist Profi durch und durch und sie zahlt ihren Preis dafür, absolviert ein hartes Trainingsprogramm: Mountainbiking, Laufen, Klettern. Schließlich will sie auch die Achttausender „im Alpinstil“ erobern, also ohne künstlichen Sauerstoff, ohne Träger und Fixseile. „Künstlicher Sauerstoff beim Bergsteigen, das ist doch wie Doping beim Radfahren“, sagt sie bestimmt. „Da kommen einem dann 8000 Meter Höhe vor wie 6500. Das ist doch Selbsttäuschung.“ Eher würde sie umkehren als zu diesem Hilfsmittel zu greifen. Auch da ist die Profi-Bergsteigerin rigoros. Sie will den Unterschied spüren – zwischen einem „kleinen Achttausender“ und einem „großen Berg“ und sie hat festgestellt, dass sie sich immer schneller akklimatisiert.
Das bringt sie ihrem Ziel näher, alle Achttausender dieser Welt „in meinem Stil“ zu besteigen. Von einem Wettlauf mit anderen Bergsteigerinnen wie der Spanierin Edurne Pasaban um den Titel „Königin des Himalaja“ will sie freilich nichts wissen. „So ein Wettlauf wäre doch tödlicher Irrsinn“,  wehrt sie ab. Gerlinde Kaltenbrunner ist nicht bereit, Kompromisse zu machen. Für sich hat sie beschlossen, die Berge „aus eigener Kraft“ zu bezwingen, „und wenn ich dann die zweite oder dritte Frau bin, die alle Achttausender bestiegen hat, spielt das auch keine Rolle“.
Schon einmal hat sie den Sturm auf den Everest abgebrochen – um einem Teamkollegen beizustehen. Der gelernten Krankenschwester gelang es, den höhenkranken Japaner ins Leben zurückzuholen. Der Everest muss  noch warten. Man glaubt ihr, wenn sie sagt, dass es ihr wichtiger ist, einem Freund das Leben zu retten.
 Viel mehr als der Ruhm der weltbesten Bergsteigerin bedeutet ihr das Erlebnis Berg. „Bergsteigen ist mein Leben, meine Leidenschaft“, schwärmt die 36-jährige, „das taugt mir einfach.“ Und auf den Bergen wählt sie am liebsten die schwere Route, die, wo kein anderer und schon gar keine andere unterwegs ist. Oder sie geht allein, um sich dem Berg ganz nah zu fühlen, eins mit sich und der Welt. Über die Zukunft macht sie sich keine Gedanken. „Die Ziele gehen uns nicht aus“,  verspricht sie und fügt gedankenverloren hinzu: „Wir wissen nur nicht, wie lange wir das noch durchhalten“. 
Am 13. Juli geht sie zusammen mit ihrem Ehemann den K2 an, „unser größtes gemeinsames Projekt“. Dann ist Gerlinde Kaltenbrunner ihrem Ziel, auf allen 14 Achttausendern gestanden zu haben, wieder ein Stück näher. 
Expeditionsinfos unter www.gerlinde-kaltenbrunner.at, www.schoeffel.de/profis

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