Im musikalischen Tal: Hochfügen - Pisten, Pionieren und viel Sangesfreude
Dienstag, 21. Februar 2012
Foto: Nina Winkler
Foto: Nina Winkler
Der Fortschritt hat einen Namen: Hermann Wetscher, 2010 „Seilbahner des Jahres“, Tourismuspionier und Alt-Bürgermeister von Fügen. Der Mann mit dem charakteristischen „Quadratschädel“ ist eine lebende Legende. War er doch von Anfang an dabei, als aus dem verschlafenen Winkel des Zillertals, wo bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts neben der Landwirtschaft auch der Abbau von Eisenerz die Landschaft prägte, ein Wintersportort wurde. Kein Wunder, dass der gelernte Maurer und spätere Baumeister, der Hotelier, langjährige Bürgermeister und 1. Geschäftsführer der Spieljochbahn viel zu erzählen hat.
Bild: Gartenhotel Crystal
Vieles würde er wieder so machen wie er es gemacht hat, sagt Hermann Wetscher. Und das sei doch das Beste, was man im Rückblick sagen könne. Dabei hat er nie das Risiko gescheut und sich selbst nicht geschont. Das war so, als er bei den Liften eingestiegen ist und auch viel später, als er für Fügen die Fernwärme durchsetzte. „Da war i Vorkämpfer für ganz Tirol“, sagt er ohne falsche Bescheidenheit und dass Fügen jetzt mit Abstand die beste Luft weit und breit hätte. Dass er auch am Ausbau der Panoramastraße, die lange Jahre ungeteert und – im einstündigen Wechsel - nur einspurig befahrbar war, maßgeblich beteiligt war, müsste er gar nicht extra erwähnen. Und natürlich hat er sich - Visionär, der er ist - auch für die Beschneiung des einstigen Schneelochs Hochfügen eingesetzt. „Ein Skigebiet kann nur leben, wenn man wirtschaftlich das Rad dreht“, kommentiert er trocken. Und schneearme Winter waren in den letzten Jahren auch im Zillertal keine Seltenheit.
15 Millionen Euro hat sich das Skigebiet die sichere Rundumversorgung mit dem selbst gemachten Schnee kosten lassen, erzählt Josef Fichtl, Betriebsleiter der Hochfügener Bahnen, ein kräftiger Typ mit rundem Kopf und Brille. Wenn es möglich ist, werde schon im Oktober mit der Beschneiung begonnen, der produzierte Kunstschnee werde auf Halde gelegt „fast wie eine Deponie“ und zum Start in die Wintersaison auf den Pisten verteilt. „Eine Wissenschaft für sich“ sei diese Beschneiung, so Fichtl, der mit zwei Kollegen ständig im Skigebiet unterwegs ist, um nach dem Rechten zu schauen. „I bin überall und nirgends“, grinst der 52-Jährige und stürzt sich in die neue schwarze Piste, genannt „abi trau di“.
Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns net getraut, denken wir frei nach Karl Valentin und nehmen doch lieber die rote, nicht ganz so steile Piste unter die Skier. Schließlich sind wir kein Skirennläufer, sondern wollen die Abfahrt und diesen wunderbaren Pulverschnee auch genießen.
38 Aufstiegshilfen erschließen heute 181 bestens präparierte Pisten, von leichten blauen, auf denen auch Anfänger Spaß haben bis zu schwarzen wie die „kalte Kuchl“, in die sich kaum ein Sonnenstrahl verirrt. Längst kommen die Skifahrer auch aus den östlichen Nachbarstaaten Österreichs in diese „Erste Ferienregion im Zillertal“, wie sich die Region um Fügen und Kaltenbach nennt. Manfred Pister ist stolz auf die Entwicklung aber auch froh darüber, dass es im Tal auch noch Handwerk und Landwirtschaft. „Wir sind net so eindimensional wie Ischgl“, sagt der Geschäftsführer des Tourismusverbands. „Wenn da der Tourismus zusammenbricht, sind die gleich am Ende. Wir leben noch weiter mit unseren Kleingewerbe-Betrieben.“
Und mit der Musik. Denn das Zillertal ist, so Pfister, „ein musikalisches Tal“. Nicht nur wegen der Zillertaler Schürzenjäger, sondern auch wegen deren Ur-Ahnen, den Rainer-Sängern, einer singenden Familie aus dem Dörfchen Laimach. „Hätten Sie gewusst, dass das Weihnachtslied Stille Nacht eigentlich dem Zillertal seine Popularität zu verdanken hat?“ fragt Pfister und lacht, als er unsere verblüfften Gesichter sieht. Hermann Wetscher weiß natürlich, was dahinter steckt: Der Orgelbauer Karl Mauracher, erzählt er, habe das Lied mit ins Zillertal genommen, wo die Rainer-Sänger es in ihr Repertoire übernommen hätten. Auch als Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. zu Besuch im Schloß Fügen waren, trugen sie das Lied vor. Und auf ihrer Europa-Tournee – ja, sowas gab’s schon damals – hatten sie es ebenso im Gepäck wie bei ihrer Amerikareise 1839. Vor der Trinitiy Church in New York erklang in diesem Jahr zum ersten Mal in der neuen Welt die „Stille Nacht“.
Lang ist’s her und still ist es im Zillertal schon lange nicht mehr. Dafür sorgen schon die 120 Blaskapellen im Tal. Wer allerdings Remmidemmi sucht, ist hier fehl am Platz. Mit Skischuhen auf den Tischen getanzt wie in Ischgl wird in Fügen nicht, allenfalls zu den Weisen eines Alleinunterhalters wie an diesem Abend im Gartenhotel Crystal…
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