Foto: Nina Winkler

Es schneit, als wolle der Himmel den ganzen Schnee dieses Winters auf einmal über dem Zillertal ausschütten. Meterhoch liegt die weiße Pracht. Häuser und Autos tragen fluffige Schneemützen, und der Schneepflug muss ganze Arbeit leisten, um die Panoramastraße von Fügen zum Skigebiet in Hochfügen befahrbar zu machen. Denn dahin wollen die Skifahrer und Snowboarder und wir mit ihnen. Hinauf auf 2500 Meter Höhe, wo die die Hänge weit sind, die Pisten abwechslungsreich und der Schnee leicht wie Puderzucker. Dahin, wo die Lifte surren und der Blick weit über die weißen Gipfel des Zillertals schweift. 







Foto: Nina Winkler

Es war wohl dieser Blick, der vor über 80 Jahren Skifahrer aus dem nahen Schwaz so begeisterte, dass sie in dem unberührten Hochtal eine Skihütte bauten. Sie gilt als die Urzelle von Hochfügen. Wo damals nur Tourengeher ihre Spuren im Schnee ziehen konnten, laden heute präparierte Pisten zum Carven und Boarden ein. Und niemand muss mehr mühsam den Berg hoch steigen, um in den Genuss der blauen bis tiefschwarzen Abfahrten zu kommen – es sei denn, er will sich freiwillig schinden. Solche Skibergsteiger sehen wir auch hier vom Sessellift aus. Genauso wie Freerider, die sich in den Hängen tummeln, wo sie ihre eigenen Spuren legen können. Doch die allermeisten sind froh über den Fortschritt, der aus dem einst abgelegenen Hochtal ein Skigebiet der Superlative gemacht hat, das nach dem Zusammenschluss mit dem Skigebiet Hochzillertal alljährlich zu den besten der Welt gekürt wird. 

Der Fortschritt hat einen Namen: Hermann Wetscher, 2010 „Seilbahner des Jahres“, Tourismuspionier und Alt-Bürgermeister von Fügen. Der Mann mit dem charakteristischen „Quadratschädel“ ist eine lebende Legende. War er doch von Anfang an dabei, als aus dem verschlafenen Winkel des Zillertals, wo bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts neben der Landwirtschaft auch der Abbau von Eisenerz die Landschaft prägte, ein Wintersportort wurde. Kein Wunder, dass der gelernte Maurer und spätere Baumeister, der Hotelier, langjährige Bürgermeister und 1. Geschäftsführer der Spieljochbahn viel zu erzählen hat. 




Bild: Gartenhotel Crystal

Wetscher ist stolz auf sein Lebenswerk und auf seine Frau Mina, die keinen geringen Anteil daran hat. Über 52 Jahre sind die beiden verheiratet, haben gemeinsam „bei Null“ angefangen und es weit gebracht. Für den inzwischen 77-jährigen Macher, der kaum stillsitzen kann, ist die Blumenliebhaberin Mina der ruhende Pol. Sie sorgt für die gemütliche Atmosphäre im Gartenhotel Crystal, bestellt den weitläufigen Garten und versorgt den Koch mit selbst gezogenen Kräutern. Die Umbauten und Ausbauten der ursprünglichen Familienpension zunächst in ein Hotel im ortüblichen Alpenbarock und jetzt in ein vom Zeitgeist inspiriertes Viersterne-Haus hat sie ebenso mit getragen wie sie die vielfältigen Aktivitäten ihres Mannes in Vereinen und Ausschüssen toleriert hat. 

Vieles würde er wieder so machen wie er es gemacht hat, sagt Hermann Wetscher. Und das sei doch das Beste, was man im Rückblick sagen könne. Dabei hat er nie das Risiko gescheut und sich selbst nicht geschont. Das war so, als er bei den Liften eingestiegen ist und auch viel später, als er für Fügen die Fernwärme durchsetzte. „Da war i Vorkämpfer für ganz Tirol“, sagt er ohne falsche Bescheidenheit und dass Fügen jetzt mit Abstand die beste Luft weit und breit hätte. Dass er auch am Ausbau der Panoramastraße, die lange Jahre ungeteert und – im einstündigen Wechsel - nur einspurig befahrbar war, maßgeblich beteiligt war, müsste er gar nicht extra erwähnen. Und natürlich hat er sich - Visionär, der er ist - auch für die Beschneiung des einstigen Schneelochs Hochfügen eingesetzt. „Ein Skigebiet kann nur leben, wenn man wirtschaftlich das Rad dreht“, kommentiert er trocken. Und schneearme Winter waren in den letzten Jahren auch im Zillertal keine Seltenheit. 

15 Millionen Euro hat sich das Skigebiet die sichere Rundumversorgung mit dem selbst gemachten Schnee kosten lassen, erzählt Josef Fichtl, Betriebsleiter der Hochfügener Bahnen, ein kräftiger Typ mit rundem Kopf und Brille. Wenn es möglich ist, werde schon im Oktober mit der Beschneiung begonnen, der produzierte Kunstschnee werde auf Halde gelegt „fast wie eine Deponie“ und zum Start in die Wintersaison auf den Pisten verteilt. „Eine Wissenschaft für sich“ sei diese Beschneiung, so Fichtl, der mit zwei Kollegen ständig im Skigebiet unterwegs ist, um nach dem Rechten zu schauen. „I bin überall und nirgends“, grinst der 52-Jährige und stürzt sich in die neue schwarze Piste, genannt „abi trau di“.

Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns net getraut, denken wir frei nach Karl Valentin und nehmen doch lieber die rote, nicht ganz so steile Piste unter die Skier. Schließlich sind wir kein Skirennläufer, sondern wollen die Abfahrt und diesen wunderbaren Pulverschnee auch genießen.

38 Aufstiegshilfen erschließen heute 181 bestens präparierte Pisten, von leichten blauen, auf denen auch Anfänger Spaß haben bis zu schwarzen wie die „kalte Kuchl“, in die sich kaum ein Sonnenstrahl verirrt. Längst kommen die Skifahrer auch aus den östlichen Nachbarstaaten Österreichs in diese „Erste Ferienregion im Zillertal“, wie sich die Region um Fügen und Kaltenbach nennt. Manfred Pister ist stolz auf die Entwicklung aber auch froh darüber, dass es im Tal auch noch Handwerk und Landwirtschaft. „Wir sind net so eindimensional wie Ischgl“, sagt der Geschäftsführer des Tourismusverbands. „Wenn da der Tourismus zusammenbricht, sind die gleich am Ende. Wir leben noch weiter mit unseren Kleingewerbe-Betrieben.“ 

Und mit der Musik. Denn das Zillertal ist, so Pfister, „ein musikalisches Tal“. Nicht nur wegen der Zillertaler Schürzenjäger, sondern auch wegen deren Ur-Ahnen, den Rainer-Sängern, einer singenden Familie aus dem Dörfchen Laimach. „Hätten Sie gewusst, dass das Weihnachtslied Stille Nacht eigentlich dem Zillertal seine Popularität zu verdanken hat?“ fragt Pfister und lacht, als er unsere verblüfften Gesichter sieht. Hermann Wetscher weiß natürlich, was dahinter steckt: Der Orgelbauer Karl Mauracher, erzählt er, habe das Lied mit ins Zillertal genommen, wo die Rainer-Sänger es in ihr Repertoire übernommen hätten. Auch als Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. zu Besuch im Schloß Fügen waren, trugen sie das Lied vor. Und auf ihrer Europa-Tournee – ja, sowas gab’s schon damals – hatten sie es ebenso im Gepäck wie bei ihrer Amerikareise 1839. Vor der Trinitiy Church in New York erklang in diesem Jahr zum ersten Mal in der neuen Welt die „Stille Nacht“.

Lang ist’s her und still ist es im Zillertal schon lange nicht mehr. Dafür sorgen schon die 120 Blaskapellen im Tal. Wer allerdings Remmidemmi sucht, ist hier fehl am Platz. Mit Skischuhen auf den Tischen getanzt wie in Ischgl wird in Fügen nicht, allenfalls zu den Weisen eines Alleinunterhalters wie an diesem Abend im Gartenhotel Crystal…      


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Kommentare


    #1 Birgit Hemmelmayr am 02/24/12 um 10:37 [Antwort]
    Hochfügen und Hochzillertal sind wirklich ein sehr schönes Skigebiet. Ich war selber schon ein paar mal dort und es hat mir jedesmal sehr gut gefallen. Bestens präparierte Pisten laden dort zum Carven ein.
    #2 Anna am 05/03/12 um 04:06 [Antwort]
    Ja, die Gegend ist wirklich eine Reise wert. War dort auch auf dem einzigen Skiurlaub, bei dem ich mir nichts gebrochen habe, von daher ist mir das Ganze besonders angenehm in Erinnerung geblieben... ;-)

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