Otto Dix in Gera

Sonntag, 8. Januar 2012

„Entweder ich werde berühmt oder berüchtigt“, schrieb Otto Dix einmal. Er wurde beides. Und er hatte – wie Bert Brecht in Augsburg – Zeit seines Lebens ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Vaterstadt Gera. Der Jahrhundertmaler war ein Unangepasster und er blieb ein Suchender – auch in der Kunst. Den Nazis waren seine gesellschaftskritischen Bilder im Stil der Neuen Sachlichkeit ein Dorn im Auge, den Kommunisten blieb er suspekt, der Kunstkritik hatte der späte Dix nichts mehr zu sagen.




Den Lebensweg des Künstlers, der wie kein anderer im 20. Jahrhundert die
Malerei der alten Meister verinnerlichte – und auch auf seinen Bildern
zitierte - ,der aber auch Vorreiter des Dadaismus war, sich von
Impressionismus, Expressionismus und Kubismus beeinflussen ließ und am
Ende zur christlichen Symbolik Zuflucht suchte, kann man in der
Retrospektive nachvollziehen, die in der fein herausgeputzten Orangerie
zu sehen ist. Ein Geburtstagsgeschenk Geras an seinen berühmten Sohn zum
120. Geburtstag.

Zu sehen ist die ganze Bandbreite von Dix‘ Schaffen, angefangen bei
bislang fast unbekannten frühen Landschaftsbildern aus der unmittelbaren
Umgebung des Elternhauses über impressionistische Elblandschaften und
abstrahierte Winterbilder, symbolistische Landschaften und
expressionistische Porträts bis zu dem erschütternden Zyklus über den
Grabenkrieg des 1. Weltkriegs, mit dem sich Dix in Reihe mit Goya und
dessen „Desastres de la guerra“ stellt. Auch der Weg des Künstlers vom
Expressionismus
hin zum Verismus der neuen Sachlichkeit, die Dix zum
Verfemten im Nationalsozialismus machte, ihm aber auch späten Ruhm und
den Erben viel Geld bescherte, lässt sich anhand von Bildbeispielen
nachvollziehen. Dank dem Leiter der Kunstsammlungen, Holger Saupe,
bekommen die Besucher selbst „Verschollene Meisterwerke“ zu Gesicht,
provozierende Bilder aus den 1920er Jahren, die als „entartet“
diskriminiert wurden und wohl nicht mehr existieren. Sie sind in einem
Lichtkasten zu sehen, der den Originalgrößen entspricht. Im Katalog
lässt sich der Kunstkrimi nachlesen, dem einige dieser sozialkritischen
Meisterwerke („Mädchen vor dem Spiegel“, „Barrikade“, „Lustmörder“) zum
Opfer fielen: Dix hatte sie selbst vor den Nazis in einem Bauernhof
versteckt. Erst nach dem Krieg vernichtete ein Pächter bei einer
rabiaten Aufräumaktion die in Kartons verpackten Bilder –der
Beuys-Skandal lässt grüßen.

„Also ich bin eben ein Wirklichkeitsmensch. Alles muß ich sehen. Alle
Untiefen des Lebens muß ich selber erleben. Deswegen gehe ich in den
Krieg“, gestand Dix. Der 1. Weltkrieg war für den Maler ein
künstlerischer Befreiungsschlag, er prägte sein Werk, das sich bis zum
Schluss aus dem Gegensatz zwischen Eros und Thanatos, zwischen Werden
und Vergehen bewegt. Wie das „Schwangere Weib“, das in seiner
provozieren rotglühenden Sinnlichkeit schon den Tod in sich trägt oder
Die große Kreuzaufrichtung“, in der Opfer und Henker fast zu einer
Einheit verschmelzen.
Am Bodensee, wo der in Dresden entlassene Kunstprofessor 1936 eine neue
Heimat gefunden hat, fehlten ihm wohl die Großstadt-Impulse, derer seine
Kunst nach eigener Aussage bedurfte: „Ich brauche die Verbindung zur
sinnlichen Welt, den Mut zur Häßlichkeit, das Leben ohne Verdünnung.“
Seit 1949 pendelte Dix zwischen Dresden und dem Bodensee. Es entstanden
symbolische Landschaftsbilder, die in Gera zu sehen sind, und religiöse
Motive wie der großformatige Christopherus, der im „Selbstbildnis mit
Jan“, dem Motiv dieser Ausstellung, eine offenkundige Parallele findet.
Und es entstanden Auftragsarbeiten, die Dix auch während der Nazizeit
und in der kurzen Zeit seiner französischen Kriegsgefangenschaft
geholfen hatten zu überleben. Förderer aus den Thüringens
Industriekreisen gaben Porträts und Gemälde in Auftrag. Einige davon
sind erstmals seit langer Zeit oder überhaupt zum ersten Mal in der
Öffentlichkeit zu sehen. Sie runden das Bild eines Malers ab, der nicht
nur ein Grenzgänger der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte war,
sondern in seinem Leben die Entwicklung der Malerei hin zum neuen
Realismus der Leipziger Schule vorweggenommen hat.

Ergänzend zu der gelungenen Präsentation in der Orangerie zeigt das
Dix-Haus Bilder aus der Geraer Zeit des Künstlers und gibt Einblick in
die Stationen eines Künstlerlebens.


Info: Otto Dix retrospektiv, noch bis 18. März in der Orangerie in Gera,
Eintrittspreis sieben Euro, Katalog (Kunstsammlung Gera) 27 Euro.

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